Forschung und Lehre

Positionen

2022 – Distinguished Visiting Max-Kade Professor, German Studies, Brown University (USA)

2021 – Vertretungsprofessur für Allgemeine und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft Universität Erfurt 

FORSCHUNGSSCHWERPUNKTE

zur Zeit aktuell

  • Zeit und Lektüren. Zu Temporalitäten einer Kulturtechnik; 
  • Ruinenlandschaften in Literatur und anderen Medien seit dem 18. Jahrhundert;
  • Wir mit Worten: Lektüregemeinschaften im 19. und 20. Jahrhundert; 
  • Neue Ansichten zur Weltliteratur im globalen Zeitalter; 
  • Was ist westlich am Westen? Zu Repräsentationen einer Idee
  • Arbeit und Lesen – eine Materialerkundung;
  • Ästhetik, Materialismus, Widerstand und die Räume von Repräsentation im 20. Jahrhundert und der Gegenwart. 

immer aktuell

  • Die Ästhetiken des Widerstands;
  • Texte zur Kunst und Gemeinschaft;
  • Bildschriftlichkeit und Schriften zu Bildern;
  • Gegenwarten der Literaturtheorie und von Lektüren in Vergangenheit und Zukunft;
  • Zeit und Zeugenschaft; 
  • Realismen und Fiktionen in/der Darstellung und die Repräsentationsformen des Dokumentarischen; 
  • Geschichte und Gesellschaft(skritik) in Literatur; 
  • Landschafts- und Stadtraumdarstellungen seit dem 17. Jahrhundert; 
  • Vorstellungen des Westens; 
  • Europa-Diskurse und transatlantische Feedbacks; 
  • Raum und Zeit in aktuellen Künsten, Film und Theater;
  • Utopieforschung und das Versprechen anderer Welten in der Fiktion; 
  • Reiseliteratur;
  • Urheberrechts- und Autorschaftsdiskurse. 

gegenwärtige Forschungsprojekte

  • „Ansichten von Asynchronizität und Materialität: Zeitungslektüren und Lektürezeiten“ 
  • „Arbeit und Lektüre. Kulturtechnik und Materialismus“
  • „Neue Ansichten zur ‚Weltliteratur‘ im globalen Zeitalter“
  • „Westlich des Westens: Kalifornien als Utopie und Ideologie“, Forschungsprojekt im Rahmen von „Was ist westlich am Westen“, Erfurter Raum-Zeit-Forschung 

Seminarveranstaltungen

Brown University, Providence/Rhode Island, U.S.A., Department for German Studies

Spring Term 2022

This is Us in Language: Mother Tongues, Fatherland, and I (MA course)

Wherever a seemingly self-empowered “we” appears in literature and commentary with respect to what is called “our” language (versus a “foreign” tongue), and whenever reflections on language are made in the name of a “we” in literary and critical texts, one can perceive the emergence of a claim to interpretive authority that aims for totalities and what lies beyond language. “‘We’ is the battle cry of people who take a single slice of the world and insist that it is the whole world.” (Kristof Schreuf, Bourgeois with Guitar, 2010) But it is precisely in literary texts and critical reflections on language (where “we” has its say, surrounded by other words) that one can also read how even the objections to such powerful proxy assertions—which want to rise above the limitations of language—are articulated in the texts themselves. This can be done by paying attention to the linguistic and rhetorical means through which each “we” is placed and in what constellations. Such a way of reading and commenting on the use of language can sometimes reveal—and this can be seen as its ethical function—that shared (collective) language is not simply an instrument employed by subjects to express themselves. Rather, it is a medium by means of which, and through which, the constitution of these singular and plural subjects who are met with in the acts of being addressed first occurs, is deferred, and sometimes prevented. The testing ground for these claims will be various texts, spanning from the 19th century to the present, in which “we” read about the use of one mother tongue (German), the representation of some fatherland as a reference or projection plane for identities, and the articulations of the I and the collective.

Crime Scene Germany (BA course) 

Crime scenes–Tatorte in German–allow us to perceive ways of observing things that lead to the production of various views of reality and the world(order). Here, too, the fractures in this order can be seen. A crime scene is both a media construct and the result of (re)staging actions. It is a “projection screen for speculation and fantasies.” An image of history. A viewing plane. A topographical arena. Thus, it is a setting as well as a place where clues can be found. At the scene of a crime and in the process of reconstructing it, stories are shaped, history becomes “real” even as it is ongoing, and is (re)told. Crime scenes–Tatorte–do not disappear without a trace. Both viewing and reading about “Germany” can testify to this. Against the backdrop of German history, with its many crime scenes, this seminar invites students to get an idea of themselves as observers of histories in the present and to “update” selected representations of crime scenes through texts, images, and film excerpts by Heinrich von Kleist, Annette von Droste Hülshoff, Walter Benjamin, Eugéne Atget, Gabriele Tergit, Uwe Nettelbeck, Hans Haacke, Jenny Holzer, Claude Lanzman, Christian Petzold, Regine Schmeken, Eva Leitolf, Jochen Gerz, Michaela Melián, Marcel Beyer, Ursula Krechel, Gerhard Richter, Rainald Goetz, Uwe Johnson, Ulrike Edschmid, Roman Brodmann, Manfred Franke, Paul Celan, Alain Resnais, Gabrielle Goettle, and Peter Weiss, among others.

Universität Erfurt, Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, Neuere deutsche Literaturwissenschaft

Wintersemester 2021/22

Kosmopolitismus: Idee und Fiktion (MA)

Die Gegenwarten von Lektüren werden bestimmt von den sie herausfordernden Zeiten – Vergangenheit und Zukunft – und werden gerahmt von den institutionellen Diskursen, die sie bedingen und ermöglichen. Die herausfordernden Fragen dabei: Wie spiegeln sich in den einzelnen Lektüren von Literatur eben diese Bedingtheiten, deren Geschichtlichkeit und Potenzialität? Wie bedingen die Bedingungen, unter denen gelesen wird, die (oftmals universalen) Ansichten, welche von und in Lektüren vermittelt, affirmiert, kritisiert und auch unterlaufen werden? In Zeiten von intensiven Auseinandersetzungen über das Verhältnis von Ästhetik und Politik, von Identitätsdebatten und angesichts von Weltgesellschaft und Globalisierung kann die kritische Auseinandersetzung mit dem historisch gewordenen und neu aktualisierten Ideal des „Kosmopolitismus“ – ein anderes Wort für „Weltbürgertum“ – diese Fragen ansprechen lassen. Im Seminar werden hierzu historische Positionen (Kant, Lessing, Wieland, Herder, Benjamin, Auerbach...) und jüngere Debattenbeiträge (Derrida, Nancy, Brennan, Benhabib, Appiah, Nussbaum, Mbembe…) diskutiert wie literarische Texte (Lion Feuchtwanger, Teju Cole, Zadie Smith…) gelesen werden. Die Befassung mit dem Kosmopolitismus als philosophisch-politische Anschauung oder auch Ideologie, die als ursprünglich in der europäischen Aufklärung formuliertes Ideal ihren Anteil an der heutigen Weltordnung hat, kann Anregungen für eine aktuelle Philologie liefern. Für eine Philologie in Aktualität, deren Reflexionen aufzeigen, dass weder die Betonung der Literarizität noch die der Medialität von Literatur allein ausreichend sind, literarisch genannten Texten in ihren in Lektüren vergegenwärtigten Gegenwarten weiterhin einen Stellenwert als welt-bezogene und welt-schaffende Medien zu behaupten. So ist – mit Blick auf „Weltgesellschaft“ (Luhmann) und „Weltweite“ (Marx) – immer wieder nachzulesen, in welchen Welten – innerhalb eines wie definierten Kosmos – Literatur Bezug zum Ganzen nimmt und dies in Teilen zeigt.

Tod und Sterben in Wort, Bild und Ton (BA)

„Der Tod ist die Sanktion von allem, was der Erzähler berichten kann. Vom Tode hat er seine Autorität geliehen.“ Walter Benjamins Bestimmung markiert in diesem Seminar einen Einsatz zur Befassung mit (nicht nur) literarischen Darstellungen des Todes. Seit dem Mythos (Orpheus und Eurydike) schreibt sich die produktiv gemachte oder auch verdrängte Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit in das ein, was sich als (Schrift-)Kultur lesen lässt. Einem Kulturhistoriker wie Philippe Ariès gab die Literatur zum Tod Zeugnis von der „Einstellung einer sehr alten und sehr dauerhaften Zivilisation“ – bis in sein Heute. Das in der bürgerlichen, europäisch bestimmten Gesellschaft vermittelte Bild des Todes hat historische Veränderungen durchgemacht, es spiegelt Zäsuren und Kontinuitäten – und ist in unserem Heute eines, das medial und kulturell neu zu perspektivieren ist. Die „Ästhetik des Todes“ (C. L. Hart Nibbrig) in Texten wie auch in Bildern und anderen Artefakten zu betrachten, soll so auch zu selbstreflexiven Überlegungen anregen, die die Medialisierung wie die selbstversichernde Repräsentation von Einzelnem und Kollektiven, Subjekt und Gesellschaft betreffen. Das Seminar gibt Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit den vielfältigen Arten, wie der Tod, der die Menschen als etwas Unfassbares und als unerfahrbare Gewissheit durch das Leben begleitet, in Text und Bild seine Verarbeitung gefunden hat. In Beschreibungen und Inszenierungen des individuellen und kollektiven Sterbens und Todes kann man sich eine Behauptung artikulieren sehen: Der Tod ist, wie die Literatur, privat und politisch. Roman und Prosa, Trauertext und Nachruf, Epitaphe und Totenbilder, Bilder und Erzählungen, Drama und Lyrik, Trauerfeiern und (Staats-)Begräbnissen treten im Seminar neben kulturtheoretische, mediengeschichtliche und gesellschaftspolitische Überlegungen. Mit Texten und Bildern u.a. von Dylan Thomas, Grace Paley, Annette Garbrecht, Claude Lévi-Strauss, Franz Kafka, Elias Canetti, Marcel Mauss, Andreas Gryphius, Georg Trakl, William Wordsworth, Charles Baudelaire, Sylvia Plath, Novalis, Sigmund Freud, Heiner Müller, William Faulkner, Uwe Johnson, Jacques Derrida, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Maurice Blanchot, Jean-Paul Sartre, Roland Barthes, Hélène Cixous, Peter Handke, Paul Améry, Karl Marx, Thomas Bernhard, Thomas Mann, Alexander Kluge, Georg Büchner, Peter Weiss, Louis-Ferdinand Céline, Albert Camus, Hans-Peter Feldmann, Gerhard Richter, Perikles, Andy Warhol, Robert Coover, Joan Didion, Silvia Bovenschen, Susan Sontag, Leo Tolstoy, Mikail Gilmore.

Sommersemester 2021

Walter Benjamin – Bertolt Brecht: Aktualitäten von Geschichtsbildern (MA)

„Zuletzt an eine unüberstreitbare Grenze getrieben / Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten“ – nach Walter Benjamins Tod auf der Flucht widmete diesem Bertolt Brecht im Exil Worte des Abschieds. Zwischen einem nicht so eindeutig bestimmbaren Hier und Dort bewegte sich das Denken der beiden (als eines in Extremen): als eines aus vielen Perspektiven mit der Zeit nachgezeichnetem, das das Standortbeziehen zu einer Selbstaufgabe mit Tendenz erkennbar werden lässt. Lektüreversuche bei Brecht und Benjamin, wie sie in dem Seminar unternommen werden sollen, können angesichts ihres Interesses an den Konturen von Geschichtlichkeit und an den Ausdrucksformen des Fortschritts (in eine Zukunft ohne Versprechen) wie angesichts der Zeitläufe ihres Schreibens und dessen Rezeption (wie einem Nachleben in anderen Werken und Reflexionen) nur als dauerhafte Reflexion zur Aktualität angelegt sein. Nachlesen heißt demnach, in den als klassisch zitierten Schriften Korrespondenzen mit vielen Gegenwarten zu erkennen zu suchen. Um Konstellationen zu ermöglichen, werden Hannah Arendt, Günter Anders, Sergei Tretjakov, Alexander Kluge, Jacques Derrida, Heiner Müller, Einar Schleef u.a. ihre Einsätze haben und erlesene Kommentierungen ausgewählter Denkbilder, Prosaarbeiten, Stücke, Gedichte Brechts und Benjamins informieren. 

Tatorte und Denkmäler (BA)

Die Kriminalistik definiert den Tatort als den Ort, an dem eine Straftat unmittelbar begangen wurde. Aufgrund der dort zu findenden oder auch nur vermuteten Spuren und Beweismittel sind Tatorte Ausgangspunkte für Ermittlungsverfahren. An Tatorten lassen sich die Betrachtungsweisen ablesen, die zur Verfertigung von Ansichten von Realität und Welt(ordnung) führen – und die Brüche dieser Ordnung lokalisieren. Der Tatort ist Ergebnis medialer Konstruktionen und (Re-) Inszenierungen von Handlungspraktiken. Er ist „Projektionsfläche für Spekulationen und Imaginationen“ (Häusler/Henschen), ein Geschichtsbild, eine Anschauungsfläche, ein topographischer Schauplatz – ein Ort und eine Stelle zum Spurenlesen. Im Tatort und mit seiner Re-Konstruktion bilden sich Geschichten ab, wird Geschichte im Ereignis wirklich und (nach-)erzählt. Tatorte verschwinden, so ein Leitgedanke, nicht ohne Spur. Davon, und vor dem Hintergrund deutscher Geschichte mit ihren vielen Tatorten, sich ein Bild zu machen und ausgewählte Tatorte zu aktualisieren, lädt das Seminar ein: mit Texten, Bildern, Filmausschnitten, u.a. von Jenny Holzer, Thomas Heise, Jochen Gerz, Michaela Melián, Gerhard Richter, Rainald Goetz, Ulrike Edschmid, Roman Brodmann, Ursula Krechel, Manfred Franke, Gabriele Tergit, Uwe Nettelbeck, Karl Kraus, Walter Benjamin, Georges Perec, Eugéne Atget, Paul Auster, Edgar Allen Poe, Annette von Droste Hülshoff, Heinrich von Kleist, Paul Celan, Alain Resnais, Claude Lanzman, Gabrielle Goettle, Peter Weiss...

Auf Montage: Text-Bild-Betrachtungen (BA)

Montiertes unterbricht, nach Walter Benjamin, den Zusammenhang, in dem es gestellt ist: es stiftet neue Beziehungen und schafft Konstellationen. Mit Blick auf die Montage – auf die Collage in der bildenden Kunst – lassen sich grundlegende ästhetische Fragestellungen und Behauptungen hinsichtlich der Abbildhaftigkeit von Wirklichkeit thematisieren. Der Blick für die Montage als einem Zusammenfügen unterschiedlicher Teile provoziert am gesehenen und gelesenen Material Fragen nach dem Verhältnis von Ganzheit und Fragment, Organizität und Künstlichkeit, Subjekt und Objekt, Medium und Form, Zufall und Konzeption, Dingwelt und Repräsentation. In diesem Seminar wird bei der Diskussion dieser Beziehungen besondere Aufmerksamkeit den Bild-Text-Beziehungen geschenkt. Das im Seminar behandelte Material – literarische Texte, Collagen, Fotografien, Filme – stammt mehrzählig aus dem 20. Jahrhundert – und soll auch einen Ausblick auf die Zukunft der digitalisierten Gegenwart werfen lassen. Mit Texten und (bewegten) Bildern von Alfred Döblin, Marius Goldhorn,Walter Benjamin, Hannah Höch, Ernst Bloch, Reinhard Lettau, Ulrich Peltzer, Jan Wenzel, Hannes Bajohr, Bertolt Brecht, Georges Didi-Huberman, Claudia Rankine, William Burroughs, Carl Weissner, Rolf Dieter Brinkmann, Hubert Fichte, Leonore Mau, Thoams Meinecke, Michaela Melián, Peter Handke, Rainald Goetz, W.G. Sebald, Klaus Theweleit, Max Ernst Faust, Carole Maso, Herve Guibert, John Dos Passos, Teju Cole, Julio Cortazar, Jeff Wall, Alexander Kluge, Swetlana Alexijewitsch, Harun Farocki, Jean-Luc Godard, Sergei Eisenstein, Maria Mohr, Su Friedrich.

MA-Kolloquium

Literaturwissenschaftliches Kolloquium Texte.Zeichen.Medien  

Gastvortragsreihe mit Vorträgen u.a. von Prof. Dr. Achim Geisenhanslüke (Frankfurt), Prof. Dr. Eckhard Schumacher (Greifswald), Prof. Dr. Paul North (Yale), Prof. Dr. Cornelia Wild (Siegen)

Wintersemester 2020/21

Das Meer. Literarisches zu Wasser, Küsten, Seefahrern und Transportwesen (BA)

Das Meer ist – wie vom französischen Historiker Jules Michelet in seinen großen Studie 1861 beschrieben – ein gigantisches Naturphänomen, mit biologischen und geographischen Aspekten, das seit der Antike immer wieder seine vielfältigsten Beschreibungen gefunden hat. Als Ort der Kontemplation wie der Konfrontation mit bedrohlichen Naturgewalten. Als eine immer wieder als menschenfeindlich beschriebene Landschaft. Als ein symbolischer Ort für Sehnsüchte und Träume. Als ein zur Erholung und zur Flucht vom Festland gesuchtes Unendliches – und als ein imperialer und ökonomischer und den Mitteln der Technik und Einbildungskraft zu kartografierender Raum. So taucht das Meer in der Literatur der Jahrhunderte auf. Die Tiefen des Meeres, auf dessen und unter dessen Oberfläche vieles verborgen bleibt, und die weltumspannende Weite der Ozeane, die verbinden und trennen, faszinierten die Geschichtenerzähler aller Jahrhunderte, die von Wasser, Küsten, Seefahrern und Transportwesen berichten und phantasieren. Theoretiker widmeten dem Meer Abhandlungen, in denen sie mit Perspektiven zu Natur und Kultur, Macht und Raum ihre Weltentwürfe beschrieben. Wenn denn gilt, dass ohne ein Verständnis der Meere kein Weltverständnis möglich ist, dann ist auch kein wirkliches Verständnis von Weltliteratur (und Globalisierung bzw. Mondialisation) ohne Texte zum Meer (und dessen Darstellung in anderen Medien). Das durch Navigation und Vermessung gerasterte und geordnete Meer – heute mehr denn je Wirtschaftsfaktor, Nahrungslieferant und Ort des globalen Handels, der weltumspannenden Kommunikationen und Machtkämpfe – erscheint als ein Raum der Ökonomisierung von Weltbezügen – und bietet mit seinen Mythen, seiner Symbolik, seinen phantastischen und queeren Narrationen doch auch Widerstandsgeschichten im Zeitalter des Globalen. Diese Aspekte des Maritimen sollen im Seminar in literarischen Texten sowie Bildern und Filmen im Seminar behandelt werden – solchen, die zugleich viel Grundlegendes zur Repräsentation, zum Verhältnis von Fiktion und Faktizität, zur Geschichtsschreibung und zur Literatur als Medium mitlesen lassen. Von den Schriftstücken der westlichen Antike über die Reisebeschreibungen aus dem 18. Jahrhundert bis zur fotografischen Dokumentation der weltumspannenden Containerschifffahrt der Gegenwart reicht die Auswahl, die das Meer im Seminar zum Gegenstand macht. Mit Texten, Bildern und Filmen u.a. von Uwe Johnson, August Strindberg, Homer, Jules Verne, Joseph Conrad, Herman Melville, Victor Hugo, Marie Luise Kaschnitz, Arthur Rimbaud, Samuel Taylor Coleridge, John Steinbeck, Konrad Bayer, B. Traven, A.S. Byatt, Charles Baudelaire, Matthias Müller, Allan Sekula, Wolfgang Fischer, Edgar Allan Poe, Philip Scheffner, Merle Kröger, Drexciya, Hans Christian Andersen.

Samuel Beckett: zum Lesen, Sehen, Hören und Übersetzen (MA)

„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ – Dieser vielzitierten Maxime aus Samuel Becketts „Worstward Ho!“ in einem Lektüreseminar zu folgen, soll nicht heißen, sich einer darin scheinbar ausgedrückten positiven Progressionslogik zu verschreiben. Die Aufgabe wird sein, selbstreflexive Lektürebewegungen als Sinnstiftungsabbruch- und -Aufbruchunternehmungen inszeniert zu sehen und diese in Interpretationen zu verfolgen und zu kommentieren.  Dazu eignen sich die Werke dieses bilingualen Autors, der so vielen Interpretationen so vieles repräsentieren sollte und soll, in besonderer Weise. Becketts Texte und Arbeiten für die Bühne und das Radio bleiben, vielleicht maßstabssetzend dem 20. Jahrhundert zugehörig, auch in der Gegenwart eigenwillige Herausforderungen für das Lesen, Sehen, Hören und Übersetzen – und die solche Aneignungs- und Verfremdungstechniken bestimmenden Prämissen. Seine Prosa, Romane, Theater- und Hörstücke, Tagebucheintragungen und Äußerungen zu Ästhetik, Kunst, Sprache und Gesellschaft erlauben anhaltend aktuelle Diskussionen von Fragen und Positionen zu Haltung und Widerstand, Entzug und Annahme, Herkunft und Bildung, Affekten und Sprache, Medium und Form, Sinn und Wort, Bild und Körper, Bühnenfiguren und Lesewerken, Individuum und Politik, Bewegung und Übersetzung. Der von Becketts Texten entscheidend mit-geprägten disparaten sogenannten französische Theorie (Blanchot, Foucault, Deleuze, Derrida, Badiou) und anglo-amerikanischen Literaturwissenschafts-Avantgarden nach dem New Criticism wird die Aufmerksamkeit ebenso gelten wie Becketts eigener Rezeption von ästhetischen Theorien und anderer künstlerischer Werke. Außerdem soll Becketts Sicht auf Deutschland und eine (anhaltend stark von T.W. Adorno bestimmte) Rezeption hierzulande Betrachtung finden, an die sich auch Beobachtungen zur Literaturwissenschaftsgeschichte der letzten mehr als fünfzig Jahre anschließen lassen.

Sommersemester 2020

Engagement (MA) 

Engagement und Literatur? Für Jean-Paul Sartre, der den Begriff der „engagierten Literatur“ im 20. Jahrhundert bestimmend prägte, keine Frage. Für andere ein spannungsreiches und kritisches Verhältnis, um die Funktion und den Eigensinn von literarischen Texten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Bedingheiten zu kontextualisieren. Was demonstriert in der Gegenwart einer hochgradig ausdifferenzierten Literaturbetrachtung ein aktuelles Interesse an jener Literatur (und bildender, textbezogener Kunst), die ein politisches, soziales, religiöses oder ideologisches Engagement erkennen lässt und dieses mit ihren Mitteln vorträgt? Wie stehen Beschreibung und Standpunkt geschichtlich und zeitaktuell zueinander? Als Ausgangspunkt für eine Diskussion, in der es um Funktion und Sichtweisen auf Ansichten zur Literatur (und Kunst), zur Ästhetik und Politischen, zur Repräsentation und Avantgarde-Ansprüchen, zur Zeitgenossenschaft und Kunstautonomie, Widerstand und Öffentlichkeit gehen soll, dienen zwei sehr unterschiedliche Texte: Theodor W. Adornos Essay „Engagement“ von 1962 und „Ein Schiff“ (1979) von Uwe Johnson. Behandelt werden neben anderen Texte von Heiner Müller, Bertolt Brecht, Samuel Beckett, Leo Trotzki, Friedrich Schiller, Karl Philipp Moritz, Elfriede Jelinek, Sergej Tretjakov, Jean-Paul Sartre, Peter Bürger, Niklas Luhmann, Jacques Derrida, Michel Foucault, Barbara Johnson, Judith Butler, Richard Shusterman, Cornel West und künstlerische Positionen von Sam Durant, Andrea Bowers, Glenn Ligon. 

Zeitmitschriften (BA)

Zeitmitschriften – in diesem Seminar sind das Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Journale, (von Daten markierte) Gedichte, Zeitungsbeiträge und Kalender, künstlerische Auseinandersetzungen mit Kalendarien. Sie zeigen sich als textuelle Ausdrucksweisen und bildliche Reflexionen von Chronisten des Augenblicks und Geschichtsinventarisierern. Das Seminar soll Bausteine zu einer Diskussion über die Möglichkeit einer Theorie von Zeiterfahrung und Bildschriftlichkeit angesichts und in Lektüren liefern. Einen Ausgangspunkt bieten Michel Foucaults Reflexionen zum Schreiben über das Selbst und die Hypomnemata. Die ausgewählten Texte und Bildarbeiten stammen von Franz Kafka, Uwe Johnson, Rainald Goetz, Maxie Wander, Ingeborg Bachmann, Einar Schleef, Michel Foucault, Frieda Grafe, Heinz Emigholz, Paul Celan, Rolf Dieter Brinkmann, Peter Handke, Georges Simenon, Imre Kertész, Witold Gombrowicz, Wolfgang Max Faust, Hanne Darboven, On Kawara, John Sparagana, Hansjörg Schneider u.a.. 

Wintersemester 2019/2020

Arbeit und Lektüre (MA)

Was kann es einem sagen, Lektüre zur Arbeit zu machen und zu verstehen, Lesen als eine Arbeit zu betrachten und dargestellt zu sehen? Kann man sich mit dem Lesen – unter den Bedingungen einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, eines postfordistischen Kapitalismus und einer Aufmerksamkeitsökonomie der Medien – in der Gegenwart weitergehende Aussagen über die Arbeit, das Arbeiten und die Beziehung des Einzelnen und eines imaginierten Kollektivs zur geteilten Arbeits-(wie Frei-)Zeit versprechen? Ob nun definiert als Prozess der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen, als zielbewusste, sozial durch Institutionen begründete menschliche Tätigkeit, als Produkt einer Forschungstätigkeit, als Tätigkeit zur Einkommenserzielung, als ein Produktionsfaktor in der Wirtschaftslehre, ist diese für Gesellschaft stets ganz zentrale „Arbeit“ durch „Lesen“ in besonderer Weise beschreib- und sogar (neu) bestimmbar? Durch eine Tätigkeit, die sich selbst als eigentlich unbestimmbar bezeichnen lässt (wie es Paul de Mans Rede von der Unlesbarkeit des Lesens suggeriert) und deren Produktivität immer wieder in Frage steht? Wie ist wiederum jene vor verschiedenen Medienevolutionen scheinbar alt erscheinende Kulturtechnik des Lesens vor den Vorzeichen eines sich wandelnden Verständnisses von Arbeit – als einem Daseinszweck, als dem Ausdruck einer Entfremdung oder einer fortgesetzten Selbstoptimierung – als epistemologisch zu aktualisieren? Die Lektüre literarischer Leseszenen und Darstellungen von Arbeit und Arbeitenden in Literatur sollen im Seminar vor den weitreichenden Diskussionen zu Big Data, den Digital Humanities und Distant Reading zur Diskussion der Gegenwart dieser Kulturtechnik mit Geschichte und Zukunft anregen. Um so die Frage „Warum lesen?“ (Christiaan L. Hart Nibbrig) mit einem Nachdenken über das Arbeiten miteinander in produktive Zusammenhänge zu stellen, werden im Seminar Texte u.a. von Karl Marx, Alexander Kluge, Ernst Jünger, Walter Benjamin, Roland Barthes, Franz Jung, Hannah Arendt, Franz Kafka, Peter Weiss, Louis Althusser, Siegfried Kracauer, Herbert Gall behandelt werden.

Das Porträt (BA)

Was ist ein Porträt, fragt nicht nur Jean-Luc Nancy (in „Das andere Porträt“): Die auf Ähnlichkeit ausgerichtete Darstellung einer Person, oder einfacher: ein Bild des Gesichts, ist in Literatur wie anderen Medien wie Malerei und Fotografie wiederholt Gegenstand verschiedener Auseinandersetzungen mit Form und Inhalt. Diese besondere Repräsentation (und d.h. immer auch: die Infragestellung) der menschlichen Gestalt am Leitfaden der Mimesis – nicht selten eines Selbst oder des Anderen – fragt nach dem Verhältnis von Innen und Außen, von Zentrum und Rahmen, von Dauer und Moment, Einzelnem und Masse. Eingeschrieben sind in Porträts in den verschiedensten Darstellungsweisen nicht nur Geschlechterverhältnisse und politische Diskurse, sondern auch immer Mediengeschichten. All dies soll im Seminar anhand von Texten und Bildern diskutiert werden, u.a. von Andy Warhol, James Joyce, Nathalie Sarraute, Claudia Rankine, Walter Benjamin, Henry James, Oscar Wilde, Alfred Döblin, Gabrielle Goettle, Cindy Sherman, Patrick Modiano, August Sander, James Baldwin, Herta Müller, Hans-Peter Feldmann.

Sommersemester 2019 

Weltliteraturen (MA) 

War für Goethe Literatur, die sich als „Weltliteratur“ sehen und lesen lassen konnte, der Ausdruck eines übernationalen und kosmopolitischen Geistes, so gilt diese mit der Zeit kanonisch gewordene Verwendung des Begriffs – im Singular – einhundertneunzig Jahre später aus verschiedenen guten Perspektiven längst und mit Aussicht als problematisch. In der Gegenwart einer Weltgesellschaft und einer fortgesetzten Globalisierung wie auch einer zunehmenden Re-Lokalisierung verlangt es danach, den Weltliteraturen – im Plural – neue Aufmerksamkeit zu schenken. Dies geschieht zum einen durch die kritische Neukontextualisierung historischer Positionen, durch eine Erweiterung und Auseinandersetzung mit dem Kanon (und seiner Konstituierung), Überlegungen zu Medienkonkurrenzen und Lektüreweisen wie den Einbezug aktueller kunstästhetischer wie (geo-)politischer Diskurse. Grundsätzlicher noch steht zum anderen die Bestimmbarkeit von „Literatur“ und von „Welt“ durch ein gegenseitiges In-Bezug-Setzen der Begriffe zur aktualisierten Debatte. Geleistet werden soll dies in diesem Seminar – unter Einbezug in konkreten Lektüren, u.a. von Knut Hamsums Hunger, Gertrude Steins The Making of Americans, Hubert Fichtes Explosion, Georges Perecs Die Dinge, Julio Cortázas Rayuela, Samuel Becketts Catastrophe und Chimamanda Ngozi Adichies Americanah.  

Der Augenblick in der Literatur (MA)

Aus dem Augenblick heraus ergibt sich für Walter Benjamin seine Kritik an der Vorstellung des Fortschritts und für seine Idee einer Jetztzeit, wie er es in seinen geschichtsphilosophischen Thesen darlegte, um vom Heraussprengen aus dem Kontinuum der Geschichte als revolutionärer Praxis zu sprechen. Der Augenblick – jene unscharf umrissene kurze Zeitspanne – bleibt auch unter geänderten epistemologischen Voraussetzungen und medialen Bedingungen ein Begriff der Gegenwart. Wie muss dieser im Deutschen dem Wort nach stark vom Sehen bestimmte heute erfasst werden? Wie verändert die Vorstellung einer gegebenen Simultanität, von Störungen produzierender Asynchronizität oder die technischen Möglichkeiten zur infinitiven Wiederholung den Augenblick als Idee und konkrete Anschauung, als die er in ästhetischen Debatten seit dem 18. Jahrhundert eine prominente Rolle u.a. als „fruchtbarer Augenblick“ (G. E. Lessing), „prägnante Moment“ (J. W. v. Goethe), „Kairos“ (A. Kluge) spielte?  Wie ist eine Kritik an einem (neuerlichen) Präsentismus konstruktiv zu machen? Und – mit literaturwissenschaftlicher Perspektive gefragt – wie spricht – erzählt – man vom Augenblick? Auskunft geben für dieses Seminar u.a. Texte von Gotthold Ephraim Lessing, Walter Benjamin, Johann Peter Hebel, Georg Büchner, Franz Kafka, Sören Kierkegaard, Martin Heidegger, Maurice Blanchot, Karl Heinz Bohrer, Alexander Kluge sowie Bilder und Filme (C. Marker).   

Wintersemester 2018/19

Peter Weiss: Ansichten und Nachlesen zu Ästhetik und Widerstand (MA)

Ansichten und Nachlesen eines aus Literatur, Film, Bild und Tageskommentierungen bestehenden Werkes und der beziehungsreichen Zusammenhänge, in denen es stand, aus denen es hervorging und die es schuf, widmet sich dieses Positionen zu Ästhetik und Widerstand ansprechende und befragende Seminar. Sein Autor: Peter Weiss (1916-1982). Nachlese heißt hier Aussicht aus einer Gegenwart heraus, die ungesichert ist: „Was bleibt, ist der Autor eines Jahrhundertwerks, einer andern Suche nach der verlorenen Zeit. Es wird vielleicht im leeren Raum unsrer vergänglichen Gegenwart, die glaubt, ohne Zukunft auskommen zu können, Leser und Zuschauer verlieren, weil es nach einer Zukunft greift, deren nächste Erscheinung noch keine Gestalt hat, aber es gibt kein Leben in der Ewigkeit des Augenblicks.“ (Heiner Müller) Auch als Maler und Filmemacher soll dieser Autor, der sich zwischen und mit den Sprachen (Deutsch/Schwedisch) und politischen Systemen positionierte, in den Blick genommen werden. Die Fragen, die Weiss‘ Arbeiten in Schriften und Bildern, Zeugnisse eines emphatischen Erzählers und parteilichen Chronisten, neu und aktuellen zu stellen aufgeben, wenn sie sie in ihrer Zeit zu beantworten versuchten: Wie formiert sich ein Individuum mitteilend aus seiner Geschichte? Wie ist Engagement zu lesen? Wie wirken Ästhetiken historisch? Wie verhält sich das Private zum Politischen in der Öffentlichkeit? Wie zeichnet man Erfahrungen in Lektüre und Wirklichkeit auf? Was verspricht Literatur als Zeitmitschrift? Neben einer ausführlichen Lektüre seines Romans „Ästhetik des Widerstands“ werden in diesem Seminar zahlreiche andere Texte, Prosastücke, Aufzeichnungen und Theaterstücke wie Filme behandelt. Ergänzt um Texte zur Ästhetik und zum Widerstand zum Thema, u.a. von Gotthold E. Lessing, Friedrich Hölderlin, Karl Marx, Georg Lukács, Theodor W. Adorno, Harun Farocki, Heiner Müller, Judith Butler. 

Transatlantische Feedbacks (BA)

„We are so different.“ Dieser Satz (eines deutschen Dichters, der die Freundschaft zu einem amerikanischen Regisseur im Gegensätzlichen beschrieb) will diesem Seminar als Ausgangspunkt dienen. Als Ausgangspunkt für Standpunktüberprüfungen: die dieses „Hier“ und jenes „Drüben“ betreffen, das sich durch Transfers und Hin- und Her-Übersetzungen von Ansichten produktiv hergestellt findet. Dabei geht es – literarische und andere Texte aus dem 19. und 20. im Blick, die als Sendungen von und nach Deutschland und (vornehmlich) den USA ihre Verschickung erfuhren – zentral um die Präsentation, Repräsentation, verstärkenden Wahrnehmungen und kurzkreuzenden Kommentierungen von Eigenem und Fremden, Selbstannahmen und Fernansichten. Transatlantische Feedbacks – Rückkoppelungen und Rückmeldungen also, die ein nicht immer zielgerichtet erzeugt werden, wenn sie (nach)wirken, erzeugen, stören und nachwirken: von Hegel bis zur Freiwilligen Selbstkontrolle, von Auswanderern des 19. Jahrhunderts bis zu Theoretikern des 20. Jahrhunderts, von Virginia bis Heidelberg, von Los Angeles bis Amorbach. Zur Ortsbestimmung: u.a. mit Texten von G.F. Hegel, F. Kürnberger, M. Twain, F. Kafka, H. Arendt, Theodor W. Adorno, L. Rickels, C. Sealsfield, W. Koeppen, B. Brecht, H. Fichte, U. Johnson, A. Schmidt, T. Meinecke, J. Baudrillard, K. Vennemann, C. Wolf.

Sommersemester 2018

Über Grenzen (MA)

„Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben. Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.“ In aller Verdichtung artikulieren diese Zeilen aus Bertolt Brechts Nachruf auf Walter Benjamin entscheidende Aspekte, die sich mit der Grenze verbinden, wenn hier die eine zwischen Ländern und jene zwischen Leben und Tod aneinandergerückt erscheinen – und dies ganz aktuell auch im Blick auf das Hier und Jetzt heutiger politischer Grenzregime und ihrer Folgen. Als Rand eines Raumes, als Trennlinie oder -Fläche markiert die Grenze der Definition nach Festlegungen aufgrund von Übereinstimmungen, Kontrollmechanismen, geregelter und mit der Zeit auszuhandelnder Beziehungsverhältnissen. Sie verweist, als Metapher, auf Eigentumsansprüche und Rechtsverhältnisse, auf historische Bestimmungen des Individuums innerhalb von Gesellschaft und in den es festgelegten Räumen, und auf Ansichten des begrenzten und medialisierten Körpers des Einzelnen und der Vielen innerhalb von Rahmen und Strukturen. Landes-, Sprach- und Kulturgrenzen repräsentieren sich als Differenz, so genannte natürliche Grenzen verweisen auf die motivierte Setzung der als anders gedachten. Über Grenzen zu lesen – in literarischen Texten – und anhand ihrer Darstellungen über die Effekte ihrer Festlegungen und Verschiebungen nachzudenken, verlangt danach, eigene Lektüre- und Betrachtungsstandpunkte in den Blick zu rücken. Dies soll mit Aufmerksamkeit für beschriebene und erzählte Grenzphänomene in der Literatur geschehen, wenn von Grenzgängern, Beobachtungsposten, Schwellen und Übertritten zu lesen ist. In Texten beispielweise von Franz Kafka, Walter Benjamin, Joseph Roth, Anna Seghers, Uwe Johnson, Gottfried Keller, Merle Kröger, Thomas Meinecke, Arno Schmidt, Annemarie Schwarzenbach... Behandelt werden in diesem Seminar ebenso theoretische Abhandlungen zum Begriff der Grenze und Transgression – wie von J.J. Rousseau, M. Heidegger, H. Arendt, J. Derrida, M. Foucault.

Leseszenen (BA)

Leseszenen in literarischen Texten verweisen auf die Selbstreflexion der Literatur und auf die Herausforderungen, die sich dem Lesen stellen. Zu betrachten ist an ihnen nämlich die besondere Schwierigkeit, das Lesen als eine zu beschreibende Aktivität in Narration zu überführen. In diesem Seminar wird sich von den in allen Epochen der Literaturgeschichte zu findenden Leseszenen Auskunft versprochen, wie das Lesen als eine Aktivität, die in der Unmöglichkeit ihrer Beschreibung doch immer wieder literarisch beschrieben worden ist, in (und mit) der Literatur die Lesenden herausfordert. Wo Schreibszenen nach R. Campe ein Zusammenspiel von körperlich-gestischen, instrumentell-technischen und sprachlich-semantischen Beteiligungen aufweisen, wie und als was lassen sich dann Leseszenen in der Literatur betrachten, um Auskunft über das Lesen als grundlegender Kulturtechnik und über die Funktion von Lektüreweisen für das sich historisch wandelnde Verständnis von Literatur als Lesestoff zu bekommen? Mit dieser Frageperspektive werden ausgewählte Werke u.a. von Franz Kafka (Der Proceß), Gottfried Keller (Der grüne Heinrich), Peter Handke, Adalbert Stifter, Thomas Bernhard (Alte Meister), J. W. v. Goethe (Wilhelm Meisters Lehrjahre), Karl Philipp Moritz (Anton Reiser), Gustave Flaubert (Madame Bovary), E.T.A. Hoffmann, Robert Walser, Marcel Proust (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), Michel Montaigne, Aurelius Augustinus, Elias Canetti (Die Blendung), Bram Stoker (Dracula), Samuel Richardson (Pamela), Ray Bradbury (Fahrenheit 451) behandelt – wie theoretische Überlegungen zum Lesen von Walter Benjamin, Roland Barthes, Niklas Luhmann, Vilém Flusser, Hélène Cixous u.a.. Auch die historisch sich ergebenen medialen Verschiebungen mit Blick auf die Lektüre von Buch und Text werden Betrachtung finden wie Fragen zum aktuellen Stand der Bedeutung von Lesen in Zeiten der Digitalisierung diskutiert werden.

Wintersemester 2017/18 

Natur-Bilder (BA)

Was ist Natur – als was und wie wird sie dargestellt? Wie findet sie sich beschrieben – in literarischen Texten, in bildreichen Schilderungen, in der Theorie? Welche Vorstellungen verbinden sich mit ihrer Begriffsbestimmung, welche Geschichte spiegelt diese? Welches Bild wurde sich in den letzten 250 Jahren von der „Natur“ gemacht – in Malerei, Film, Fotografie und Literatur? Allgegenwärtige bildliche Darstellungen von Natur wie ihre Beschreibungen können vor dem Hintergrund aktueller bildwissenschaftlicher Fragestellungen auch eine grundlegende Frage stellen helfen: „Was ist ein Bild, wen und wie repräsentiert es?“ In diesem Seminar werden somit Überlegungen zur Bestimmung und bestimmenden Definition von Natur (vs. Kultur bzw. Gesellschaft) und Überlegungen zur Bildtheorie angestellt, wenn mit Blick auf Texte und Bilder vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart der Frage nach Darstellungsmöglichkeiten und Repräsentationen von Natur und Welt anhand von Natur-Bildern nachgegangen wird. Dabei sollen unterschiedliche Vorstellungen von dem, was Bilder sind und darstellen, und die sich wandelnden Vorstellungen eines (ästhetischen) Naturbegriffs als aufs Engste verschränkt diskutiert werden. Neben einer Beschäftigung mit Naturschilderungen und ihren Theorien werden in dem Seminar also konkrete Fragen der Repräsentation und Bildlichkeit im Vordergrund stehen, begleitet von wie epistemologischen. Beispiele aus der Malerei und Fotografie werden neben Erörterungen zum Naturbegriff seit dem mittleren 18. Jahrhundert und theoretischen Überlegungen zur Formierung insbesondere von Garten und Parks und bebauter Landschaft zum Gegenstand der Diskussion. Mit interdisziplinärer Perspektive werden Grundlagenreflexionen vorgestellt und konkrete Bildanalysen und Lektüren eingeübt werden. Mit Texten von Heinrich v. Kleist, J.G. Sulzer, C. Cay Lorenz Hirschfeld, Derek Jarman, Frederick Olmstead, J. W. v. Goethe, Karl Philipp Moritz, Jean Jacques Rousseau, Joseph v. Eichendorff, John Muir, Heinrich Hausmann, Wim Wenders, Jürgen Becker…

Essay und Diskurs (MA)

„Essay“ und „Diskurs“ – als zwei Begriffe mit Geschichte eignen sie sich, in der Gegenwart historische und aktuelle Vorstellungen zur Vertextung von Erfahrungswirklichkeiten zu reflektieren. Wie der Blick auf ihre Wirkmächtigkeit im 20. Jahrhundert zeigt, können beide nicht getrennt voneinander diskutiert werden: ist nämlich zu konstatieren, dass sich mit beiden Begriffen die Konstituierung von Autorschaft und Autorität (der Gattung, der Institutionen, der Medien) verbindet – wie zugleich auch deren Infragestellung, erneute Restitution und wiederholte Kritik. Grundlage für die Debatten im Seminar, die (mit Michel Foucault u.a.) um die Autorität der Darstellung und die Darstellungsformen von Autoritäten kreisen sollen, wird eine Übersicht zu klassisch gewordene essayistischen Texten und ihrer Theorien (Michel Montaigne, Paul Valéry, Robert Musil, Heinrich Mann bis Theodor W. Adorno) bieten. Verfahren der Verkettung, Kommentierung, Fortschreibung, der Zeitmitschrift und Selbstbeschreibung, wie sie den Essay auszeichnen, werden anhand von Beispielen vornehmlich der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson, Michael Rutschky...) und des Gegenwartsschreibens (David Forster Wallace, Marc Greif, Katrin Passig...) untersucht. Gerahmt (und als Rahmung reflektiert) werden diese Auseinandersetzungen mit jener unscharfen Beschreibungs- und Analysekategorie von Gegenwart von Theorien zum Diskursbegriff; ergänzt um Beispiele des sogenannten Essayfilms und multimedialer Formate. 

Sommersemester 2017

Ereignis in der Literatur (MA) 

In Erscheinung tritt im Ereignis dem Wörterbuch nach ein beobachtbares Geschehen. Wie sich dies beschreiben und erzählen lässt, steht auf einem anderen Blatt: dem der Literatur zum Beispiel. Diese ist, wie das Ereignis, ein Zeitgeschehen. Denn mit dem Ereignis verbinden sich Bruch, Überraschung, Einmaligkeit, Momentanes; als singulär und punktuell betrachtet kann es (nach J. Derrida) als Unvorhersehbarkeit eines Geschehens zur Figur eines kritischen Einspruchs gegen Kalkulierbarkeit und Prognostizierbarkeit werden, die sonst einem Feststellen des möglich Kommenden in der Gegenwart dienlich sind. Als eine Lesefigur mag das Ereignis so Lektüren informieren, die in ihrer Gegenwärtigkeit die Gegebenheit wie eindeutige Datierbarkeit von Präsenz wie auch die Historie als Verortungskategorie für Fiktionales als fragwürdig erscheinen lassen. Damit erlaubt es das Ereignis, Modalitäten des Erzählens wie auch der Lektürebetrachtung zu reflektieren – wie die Fragen nach dem Verhältnis von Literatur und Geschichtlichkeit zu stellen. An zwei geschichtlichen Ereignissen – dem Sklavenaufstand in Haiti von 1791 und der Terrorattacken des 11. September 2001 – werden im Seminar beispielhaft Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Ereignis und Literatur, Geschichte und Ereignis, Literatur und Geschichte angestellt. Medialität, Zeitdiskurse, Intertextualität sowie bildtheoretische Überlegungen sind weitere Aspekte, die bei den Lektüren von Texten von Heinrich von Kleist, Victor Hugo, Hubert Fichte, Hans Christoph Buch, Heiner Müller, Anna Seghers, Alexander Kluge, Kathrin Röggla, Frédéric Beigbeder, Don DeLillo, Claire Messud, David Forster Wallace und anderen in den Blick genommen werden.

Remake/Remodel: Zur Originalität der Aneignung (BA) 

Was ist ein Original, was eine Kopie? Warum kann es kein einmaliges Werk geben? Was macht verweisendes Lesen mit den Texten? Wie lässt sich Wiederholen verstehen? Bedeutet Autorschaft Werkherrschaft? Was lässt von der Einmaligkeit des Auftritts sprechen? Was bestimmt eine Abbildung? Wie erkennt man Zitate? Welche Rolle spielen die technischen Medien für das Verstehen von Authentizität, Eigentum und Wiedergabe? Und was verraten mögliche Antworten auf diese Fragen über die Muster der eigenen Rezeption und die institutionellen Bedingungen für Wahrnehmung und Produktion von Literatur und kulturellen Artefakten im Laufe der Zeit? Diesen und weiteren Fragen sollen im Seminar beispielhaft an Material aus dem 20. Jahrhundert nachgegangen werden: anhand von Zitaten in Literatur und von unoriginärem Schreiben, von Formen der Appropriation und Serialität (in bildender Kunst), von Remixen und Sampling (in Musik), von Sekundärdramen und Reenactment (im Theater) sowie von Remakes und Found Footage (im Film). Basis für die Diskussionen zur „Originalität der Aneignung“ werden grundlegende Texte zur Originalität, Urheberrecht, Werkbegriff, Zitat und Wiederholung (seit dem 18. Jahrhundert) liefern. Mit Texten von Jorge Luis Borges, Marcel Broothaers, Marcel Duchamp, Elaine Sturtevant, Andy Warhol, Gustave Flaubert, Walter Benjamin, Joseph Kosuth, Kenneth Goldsmith, Ute Bauer, Eva Meyer, Nanni Balestrini, Jeremy Deller, Gus van Sant…

Wintersemester 2016/17

Bekenntnisse (MA)

Als autofiktional bezeichnete Verfahrensweisen in Literatur haben Konjunktur. Von einer „Bekenntniswut“ jüngerer Autoren spricht die Literaturkritik gar gegenwärtig angesichts der vielen so genannten autofiktionalen oder autobiographischen Texte, die jüngst breite Aufmerksamkeit gefunden haben. Tatsächlich liefert diese Debatte Anlass, das Thema der „Bekenntnisse“ neu zu aktualisieren. In der Auseinandersetzung mit dem, was Bekenntnis oder auch Selbstgeständnis darstellen (sollen), können gerade Adressierungsfragen von Zeugnistexten und Kollektivaussagen zur eigene Identität, Probleme von Autorschaftszuschreibungen (de Man, Lejeune), Gender-Fragen und der Status von vermeintlich autobiographischer Literatur hinsichtlich von Fiktion und Wahrheit kritisch debattiert werden. Neben Klassikern der Bekenntnisliteratur (Augustinus, Rousseau, Constant, Kierkegaard) und theoretischen Texten (u.a. von Hannah Arendt, Roland Barthes, Susan Sontag) gilt die Aufmerksamkeit Fragen des Bekennens und des Bekenntnisses gerade in Literatur. Das Spektrum der Texte reicht dabei von Augustinus, J. W. v. Goethe bis Sylvia Plath, Peter Weiss, Walter Percy, Peter Handke, Fritz Zorn, Michel Leiris bis Chris Kraus, Didier Eribon, Jacques Derrida, Jean-Jacques Rousseau, Hannah Arendt, Benjamin Constant bis Silvia Bovenschen.

Chronopolis (BA)

„Verwisch die Spuren“: Bertolts Brechts Imperativ aus dem „Lesebuch für Städtbewohner“ wird den Ausgangspunkt für eine in diesem Seminar zu führende Diskussion von beschriebenen Städten abgeben. Die Großstadt des 20. Jahrhunderts – jene „Chronopolis“, zu der sie die verschiedenen Medien gemacht haben – wird in Literatur (wie auch Film, Fotografie und bildender Kunst) als ein Ort zu entdecken sein, der als ein Zeichenensemble und eine Schriftfläche deren Wahrnehmungsweisen – d.h. Lektüren – mit ihrer eigenen Temporalität konfrontiert. Eine Spurensuche (angeregt von Jacques Derridas Überlegungen zur Spur/trace) in Stadttexten des 20. Jahrhunderts wird „die Stadt“ als einen medial vermittelten und in Bild und Schrift konstruierten Selbstverständigungsraum verschiedenster Überlegungen zur Zeit und zur Schrift diskutieren. Von Charles Baudelaire bis Teju Cole, über Walter Benjamin und Bertolt Brecht, Uwe Johnson und Michel Butor, Italo Calvino und Harun Farocki, Alexander Kluge und Chantal Akerman u.a. reicht die Auswahl der Texte, Bilder, Filme, die als Konstellationen behandelt werden. 

Sommersemester 2016

Ruinen (BA)

Die Ruine wird im Allgemeinen als ein Bauwerk betrachtet, das Zeichen zeitlichen Verfalls oder von Zerstörung aufweist. Dieses ”hochbedeutende Fragment” (Walter Benjamin), negatives Zeichen für eine zerfallene Vergangenheit ebenso wie ein allegorisches für die Vergänglichkeit, ist dabei weit mehr als ein für die Erinnerung wichtiges, kontinuitätsstiftendes Geschichtszeichen. Die Präsenz von Vergangenheit und Zukunft in Ruinen, die in ihr gegenwärtig gemachte gleichzeitige An- wie Abwesenheit von unvereinbaren Zeiten macht sie zu Signaturen einer paradoxen Zeitlichkeit. Zugleich verkörpern Ruinen als disparate Einheiten aus Bruchstücken die Unmöglichkeit jeden Versprechens auf Totalisierbarkeit. Betrachtet man sie als Ausdrucksmittel in der ästhetischen Inszenierung eines Umbruchsbewusstseins, dann kann man in der Ruine so eine zeit- wie darstellungs-reflexive Figur ersten Ranges erkennen. Diese Motivgeschichte wird unter dieser Perspektive Repräsentationen von Ruinen von der Gegenwart bis zurück in die Frühe Neuzeit verfolgen. Das Spektrum der zu behandelnden Texte reicht von garten- und landschaftstheoretischen Abhandlungen und von Antikenwahrnehmungen berichtenden Reiseschilderungen um 1800 bis hin zu Beschreibungen dystopischer Landschaften des späten 20. Jahrhunderts. Ebenso werden von Breughels Gemälden des Babylonischen Turmbaus über Darstellungen künstlicher Ruinen im 18. Jahrhundert bis hin zu den Fernsehbildern der einstürzenden Türme des World Trade Centers in Kunstgeschichte und Gegenwartskultur präsente Abbildungen von Ruinen ihre Aufmerksamkeit bekommen. Theoretische Referenztexte aus Kulturtheorie, Philosophie, Architektur und Kunst ergänzen die Auswahl literarischer Texte. Mit Texten von Franz Kafka, Juan Benet, Robert Smithson, Italo Calvino, Jorge Luis Borges, J. W. v. Goethe, Walter Benjamin, Andreas Gryphius, Georg Simmel, Joachim du Bellay, Rolf Dieter Brinkmann, Heinrich v. Kleist…

Welche Wirklichkeit? (BA)

‚Welche Wirklichkeit?’ Unter dieser Leitfrage werden im Seminar ‚Realismus’, ‚Mimesis’ und ‚Fiktionalität’ anhand von Literatur, Theorie, Bild und Film behandelt, um so ästhetische, philosophische wie medien- und bildtheoretische Überlegungen zur Repräsentation von Wirklichkeiten vor dem Hintergrund gegenwärtiger Diskussionen zum Realismus einer Aktualisierung zu unterziehen. „Es muß möglich sein, die Realität als die geschichtliche Fiktion, die sie ist, auch darzustellen. Sie hat eine Papiertiger-Natur.“ (Alexander Kluge) Wie kommt eine solche Realität – in Literatur, Fotografie, Film – zum Ausdruck, gerät zum ästhetischen Gegenstand? Wie ist damit umzugehen, dass in ästhetischen Theorien die Disposition, „das ästhetische Gebilde aus seinem Verhältnis zu ‚Wirklichkeit’ zu legitimieren“, niemals ernstlich verlassen worden sei, wie Hans Blumenberg bemerkte? Wie wirkt die Fiktion – in Text und Bild – auf ein Verständnis von Wirklichkeit? Wie bestimmt sich in Literatur ein auch außer ihr wirkendes Verhältnisses von Sprache und Welt? Ausgehend von Debatten zur Wirklichkeit im Gegenwartstheater (Katrin Röggla, Milo Rau) werden Positionen zum Realismus und Dokumentarismus – Bert Brecht vs. Georg Lukács, Roland Barthes’ Realitätseffekt – mit Erzählenweisen bei Peter Weiss, Uwe Johnson, Peter Kurzeck, Thomas Meinecke, Marcel Beyer kontrastiert und als möglich aktualisierbar diskutiert werden.

Wintersemester 2015/16

Utopien (BA)

Utopien als Entwürfe fiktiver Gesellschaftsordnungen, wie sie sich seit der Antike, dem Mittelalter und der frühen Neuzeit als klassisch gewordenen Schriften zum staatstheoretischen Denken oder in literarischen Texten finden, sind immer Erzählungen von einer Gegenwart. Ob politisch, philosophisch, gesellschaftlich, religiös oder technisch-wissenschaftlich, in utopischen Texten werden stets Standpunkte und Positionen zur Zeit und ihrer Darstellbarkeit verhandelt, wenn in ihnen Bilder von Vergangenheiten und Zukunft entworfen werden. Dies ist die Perspektive für ein Seminar, in dem neben einem Überblick über die Klassiker der Staatstheorie vornehmlich ausgewählte literarische Darstellung von Utopien aus unterschiedlichen Jahrhunderten (Huxley, H.G. Wells, Ballamy, Bougainville, Schnabel, Samjatin, Döblin...) behandelt werden. Die Utopie als „Differenz von Bestehendem“ (Adorno) kann, ungeachtet aller Kritik an einem futuristischen Denken und gegenutopischer Kritik in der jüngeren Gegenwart, weiterhin perspektivgebend für ein Nachdenken über Zäsuren und Brüche, Prognostik und Rückschau, Zeitläufe, historisches und futurisches Denken angesehen werden. Nachzudenken sein wird über das Verhältnis nicht nur von Handeln und Utopie, sondern der Konstellation von Ereignis (auch der Lektüre) und jenem Möglichkeitsdenken, das den (Gattungs-)Namen „Utopie“ trägt. Platz sein soll auch für die Diskussion von Utopie-Entwürfen in der Theorie des 20. Jahrhunderts (Bloch, Adorno, Foucault) – wie einen Rückblick auf die Utopieforschung und die Funktion literarischer Utopien für die Literaturgeschichte. Mit Texten von Thomas Morus, J. G. Schnabel, Louis-Sébastien Mercier, Samuel Butler, Edward Bellamy, Aldous Huxley, Jewgenjew Samjatin, Charlotte Perkins Gilman, Alfred Döblin… 

Einführung in die Literaturwissenschaft (BA)

Sommersemester 2015

Zeugenschaft (MA)

Gegenstand des Seminars ist die "Poetik und Politik der Zeugenschaft" (J. Derrida). Fragen nach 'Wesen', Funktionalisierung und Medialität des Zeugnisses werden hier im Zusammenhang einer Auseinandersetzung mit Fiktion, Nachträglichkeit und Lokalität gestellt. Das vielschichtige und für Kultur wie Wissenspraxis zentrale Phänomen der Zeugenschaft wird dabei auf seine besondere Performanz hin zu untersuchen sein, die Bedeutung des Literarischen für Zeugnisse und Zeugenschaft eine zentrale Rolle einnehmen. Der Zeuge mit seinen verschiedenen Auftritten (vor Gericht, als Glaubens- oder Zeitzeuge) wird gemeinhin als Schlüsselfigur für Kultur und Wissenspraxis und als Schauplatz verschiedener epistemologischer, subjektphilosophischer und ethischer Paradoxien der Gegenwart betrachtet. Angesichts einer unübersehbaren Medialität der Zeugnisse und der signifikanten Topographie der Ereignisorte sind über diese Figur hinaus auch die diversen Herstellungskontexte des Zeugens in den Fokus zu nehmen, will man zu einem kritischen 'Verstehen' von Zeugenschaft, von dessen Bedeutungswandel und Aktualität in gegenwärtiger Mediendiskursen gelangen. Ausgehend von der Leitfrage, wie und als was 'Ereignisse' zu fassen und zu vermitteln sind, wird ein begriffsgeschichtlicher Überblick aus kulturwissenschaftlicher und philosophischer Sicht über verschiedene Konzepte von Zeugnis und Zeugenschaft informieren – von der Antike bis hin zu Ereignissen, die der Zeugenschaft im 20. Jahrhundert zu neuer Brisanz und anhaltender Aktualität verhalfen. Konkret behandelt werden neben einschlägigen Texten zum Phänomen Zeugenschaft, zu Shoah-Erinnerung und -Repräsentation (Derrida, G. Hartman, Agamben, Lyotard, Didi-Huberman, Felman/Laub u.a.) unterschiedliche Beispiele 'literarischer Zeugenschaft' (Primo Levi): nicht zuvorderst in so genannter Memorialliteratur, sondern anhand von Texten unterschiedlicher Gattungen – Prosa, Drama, Gedicht –, in denen (wie in ausgewählten Filmen und Fotografien) die medialen Bedingungen der Paradoxien oder Aporien der Zeugenschaft in Schrift und Bild produktiv mitreflektiert werden (Paul Celan, Peter Weiss, Elfriede Jelinek, Marcel Beyer, Heimrad Bäcker, Manfred Franke, Claude Lanzman, Erwin Leiser, Romuald Karmakar, Michaela Melian, Alexander Kluge, Wolfgang Koeppen u.a.).

Kafkas Amerika (BA)

'Kafkas Amerika': als ein imaginiertes, als ein erlesenes, als ein projektiertes und ein nachgelesenes wird es in diesem Seminar zum Gegenstand der Lektüren. Den Mittelpunkt wird ein möglichst weitgehendes Close Reading von Franz Kafkas Romanfragment "Der Verschollene" bilden. Dabei werden editionsphilologische Aspekte und Werk- und Gattungsfragen ebenso behandelt werden wie in komparatistischer Perspektive die literarischen Prätexte von Kafkas Romanfragment und dessen umfängliche Rezeptionsgeschichte und verschiedenste Folgeproduktionen (Straub/Huillets Film "Klassenverhältnisse", M. Kippenbergers Installation "The happy Ends of Franz Kafka", E. Henscheids "Roßmann Roßmann"-Geschichten u.a.). 'Amerika' als die "neue Welt" wird als ein zentraler Topos in deutschsprachiger Literatur des frühen 20. Jahrhunderts zu entdecken sein, gerahmt von seiner Vor- und Nachgeschichte und angeregt von medientechnologischen wie philologischen Fragestellungen. Mit Texten von Franz Kafka, Arthur Holitscher, Johannes Vielhelm Jenssen, Theodor W. Adorno, Kurt Tucholsky, Eckhard Henscheid, Jean Marie Straub…

Wintersemester 2014/15 

Orte-Landschaft-Zeit-Lesen (um 1800) (BA)

Landschaften, die in literarischen Texten des ausgehenden 18. Jahrhunderts wiederholt zum Gegenstand von Beschreibungen gemacht werden, sind ein zentrales Motiv der Zeit um die Epochenzäsur 1800: In ihren Schilderungen finden sich zeitaktuelle Vorstellungen von Natur und Kultur, Raum und Zeit, Ganzheit und Teil, Dauer und Gegenwärtigkeit mit Worten illustriert wiedergegeben. Zuvorderst in Beschreibungen von Gärten (u.a. Goethes „Wahlverwandtschaften“) und von Reisen (bei Karl Philipp Moritz, Georg Forster) sind diese mal fern und fremden und mal naheliegenden Räume der Selbstverortungen und Standortreflexionen der zeitgenössischen Betrachter als ästhetische wie als politische Konstruktionen in Texten lesbar. Sie als „beschriebene“ zu sehen, d.h. zu lesen, heißt sie als fortsetzende Nachlesen von literarischen und theoretischen Vorschriften zu erkennen, in denen Weltansichten in Texten transportiert werden. In Büchern beispielsweise, wie sie an bestimmten prominenten Stellen der im Seminar behandelten Romane, Reiseberichten und Tagebucheintragungen durch die Landschaft mitgeführt werden. Durch diesen Fokus werden Landschaften als textuell-zeichenhafte Leseräume sichtbar, in denen sich bestimmte Vorstellungen wie die vom sich in der Landschaft behauptenden Subjekt verlieren können. Mit Texten von Karl Philipp Moritz, Georg Forster, Johann Gottfried v. Herder, J. W.  v. Goethe, Georg Simmel, Sigmund Freud…

Mehrsprachigkeit (MA)

„Ich habe nur eine Sprache, und es ist noch nicht einmal meine.“  Jacques Derridas Feststellung aus „Einsprachigkeit“ dient als ein wiederkehrender Ausgangspunkt für die Überlegungen dieses Seminars zur Mehrsprachigkeit. Die paradoxe oder performativ widersprüchliche Aussage soll bezugsreich zu Überlegungen führen, wie das Eigene und Fremde in der Vielfalt der Sprachen zur Wirkung kommt, und wird Fragen zum Idiom, Jargon und Fremdwörtern, zu Muttersprache, Vaterland und Herkunft, zu Selbstübersetzungen und zur Stiftung von Gemeinschaft in der Pluralität von Sprachen anregen. Verstanden als Antwort auf Theodor W. Adornos Erörterungen in „Auf die Frage: Was ist deutsch“ wird das Postulat die Lektüren von literarischen wie theoretischen Texten anleiten, in denen die sprachlichen Konstruktionen von (nationalen und kulturellen) Identitäten erörtert werden.In Texten auch von Hannah Arendt, Franz Kafka, Samuel Beckett, Gilles Deleuze und anderen Aneignungen und Enteignungen von Standpunkten gegenüber der eigenen und fremden Sprachen als Folge von Leseakten anzusprechen, wird auch heißen, sich mit der der Behauptung auseinanderzusetzen, dass der sich in und durch Mehrsprachigkeit vollziehende Gebrauch von Sprache eine über ihre Zeichenhaftigkeit hinausweisende politische, rechtliche wie ethische Dimension besitzt. Mit Texten von Theodor W. Adorno, Jacques Derrida, Hannah Arendt, Franz Kafka, Samuel Beckett, Gilles Deleuze, Karl Korn… 

Sommersemester 2013

Landschaftsinschriften (MA)

Nachzulesen, wie man Schriften in Landschaften zu sehen bekommt, dem soll dieses unter das titelgebende Kompositum „Landschaftsinschriften“ gestellte Seminar vorrangig gewidmet sein. Im Vordergrund der Betrachtungen stehen dabei so nicht Beschreibungen von Landschaften oder Landschaftsschilderungen, sondern manifeste Schriftzeichen, wie sie sich in Landschaften eingefügt lesbar zeigen – sei es als in literarischen Texten beschriebene oder in bildlichen Darstellungen zu entdeckende. Schriftbildlichkeit angesichts von Landschaften in Blick zu nehmen, heißt jene somit als Darstellungsräume anzusehen, in denen sich zeitgebunden Lektüren innerhalb von Bildbetrachtungen wie als Schriftbildbeschreibungen vollziehen. Sie als konkrete lokale Bildräume anzusehen, als welche die Landschaften in Texten wie anderen medialen Darstellungen bezeichenbar sind, heißt folglich auch nach der Position des und der Lesenden in ihrer Zeit in und inmitten bestimmter, mittels der Konstruktion von „Landschaft“ darstellend erzeugten medialen Relationen zu fragen. Wiederholt wird der Ausgangspunkt für die in diesem Seminar unternommenen Überlegungen und Erörterungen zu Landschaft und zur Schrift Walter Benjamins „Einbahnstraße“ (1928) sein. Durch die Lektüren ausgewählter Eintragungen in dieser für das Verständnis von Positionen zur Schrift im Raum des frühen 20. Jahrhunderts zentralen Prosastücksammlung und weiterer Texte Benjamins wie seinem Moskauer Tagebuch und Reise- und Stadtaufzeichnungen gilt es, in Text- und Bildlektüren konstellativ Zusammenhänge herzustellen zwischen so verschiedenen Motiven wie Garten, Ruine, Friedhof, Baustelle, Denkmal, Fassaden, Werbung sowie ihrer Ikonografie und konkreten Medialität, die je für sich und zusammen die „Lesbarkeit der Welt“ (H. Blumenberg) behaupten und Ansichten zu Schrift und Bild reflektieren lassen. Kulturgeschichtlichen Darstellungen zur Konstruktion von Landschaft und zur Geschichte von Schriftzeichen im Raum werden von Beschreibungen und Verbildlichungen der Gartenkünsten des 18. Jahrhunderts bis hin zu Land Art und materiellen Konzeptkunst des späten 20. Jahrhunderts nachverfolgt, anhand von theoretischen Abhandlungen wie auch literarischen Texten beispielhaft behandelt.

Wintersemester 2012/13

1968Nachlesen (MA)

Ausgangspunkt für dieses Lektüreseminar ist eine wenig gewagte These: Das Jahr 1968 gab es nicht, es findet statt – in Texten, in denen es sich weiter vervielfältigt. Es sind Texte – in Form von Literatur, Film, verschiedenen künstlerische Praktiken –, die das Jahr zu einer Chiffre machen. Chiffre für vieles, dabei vielfach Unvereinbares, für konstruierte Rückannahmen und für Ansichten zum Nachbetrachten. Studentenbewegung und antiautoritäte Bewegung, "Die Achtundsechziger" als Generation, der Tod der Literatur, Zweckbegriff und Systemrationalität lauten einige der Stichworte zur geistigen Situation der damaligen Zeit. Markiert durch seine Jahreszahl, bewegt sich "1968" als ein nicht beliebiger Abschnitt im Laufe der Zeit in und durch die Diskurse der Gegenwart fort. Eine Auswahl disparater literarischer Texte aus diesem wie jedem einmaligen Jahr sollen zu einer Gegenlese anregen (und werden ergänzt um Filme und Dokumente zu künstlerischen Praktiken). Als Reflexionen zur Zeitmitschrift von Gegenwart und ihrem Nachlesen, nicht wie so oft nur als Illustrationen oder schriftliche Quellen zu einem wichtigen wie auch kontrovers diskutiert Eintrag in der Ereignisgeschichtsschreibung der jüngeren deutschen Vergangenheit, sollen die Texte von Autoren wie H. Artmann, Franz Mon, Rolf Dieter Brinkmann, Paul Celan, Peter O. Chotjewitz, Gerhard Rühm, Thomas Bernhard, Ernst Jandl, Peter Weiss, Elias Canetti, Karl Krolow, Marie Luise Kaschnitz, Alexander Kluge, Jürgen Becker gelesen und diskutiert werden.  

Zeit für Kafka (BA)

Zahlreich sind in den Schriften Franz Kafkas die Stellen, an denen die Zeit, als "Fortschritt" und "Stillstand", Augenblick und Stasis, angesprochen und den Worten zum Beschreibungsgegenstand wird. Man findet sie in Schilderungen von Wegen und Umwegen, Aufbrüchen und Fortgängen, von möglichen scheinenden und unmöglich werdenden Abschieden und Ankünften, von suchenden und tastenden Bewegungen im Raum und in den Beschreibungen architektonischer (Un-)Ordnungen mit undeutlichen Rändern, unerreichbaren Zentren, uneinsichtigen Öffnungen. Kafkas Texte, die das Zögern und Zaudern mit Worten zeigen und einer Schwellenkunde (nach Walter Benjamin) zum Gegenstand werden, werden als in diesem Seminar als zumindest doppelte 'Bewegungsmelder' gelesen: zum einen sollen literarische Verfahren in ihnen diskutiert werden, die das Beschreiben von Zeitvergehen mit seinen Aporien und Paradoxien realisieren. Zum anderen sollen einzelne Romankapitel aus Der VerscholleneDer Prozeß und Das Schloß wie kürzere und kürzeste Prosastücke aus dem veröffentlichten und dem nachgelassenen Schriften Kafkas die Interpretationsarbeit gegenlesen helfen, mit der in den Kommentaren der Kafka-Forschung die Zeit in den Griff und auf den Begriff zu bringen versucht wurde und denen gegenüber sich ein jedes Fortlesen mit Zeit für Kafka zu beweisen hat. 

Wintersemester 2011/12

Wir’ mit Worten. Lektüren zu Sprachreflexionen in (literarischen) Selbst-Gesprächen (MA)

Wo in Literatur und Kommentar ein 'Wir' scheinhaft selbst ermächtigt auftritt gegenüber sogenannten eigenen und fremden Worten und wenn in literarischen und literarkritischen Texten in Namen eines 'Wir' Sprachreflexionen betrieben werden, kann man dort und dann einen auf Totalitäten und ein Jenseits der Sprache zielenden Hoheitsanspruch hervortreten sehen: "'Wir' ist ein Kampfbegriff von Leuten, die einen Ausschnitt von der Welt nehmen und behaupten, dies sei die ganze Welt." (Kristof Schreuf, Bourgeois with Guitar, 2010) Gerade an jenen Stellen in literarischen Texten wie sprachkritischen Reflexionen aber, wo ein 'Wir' zu Wort kommt und sich von anderen Worten umstellt zeigt, lässt sich auch nachlesen, wie in Texten selbst die Artikulationen von Widerworten gegenüber so wirkmächtigen Stellvertreterbehauptungen bewerkstelligt werden, die sich über die Grenzen der Sprachen erheben wollen. Mittels der Aufmerksamkeit für die sprachlicher Mittel und die Konstellationen, in denen sich das 'Wir' jeweils versetzt wird. Eine solcherart nachlesende Kommentierung des Gebrauchs von Sprache kann mitunter offenlegen – und darin bestände ihre ethische Funktion –, dass (mit)ge-teilte Sprache nicht einfach als ein Ausdrucksinstrument von Subjekten zu verstehen ist. Sondern als ein Medium, mittels dessen und durch das sich die Konstituierung dieser im Singular und Plural anzutreffenden Subjekte in Akten der Ansprache erst ereignet, aufschiebt und verhindert. So wie die ‚Existenz' des Subjekts – nach Judith Butler (Excitable Speech, 1997) – in eine Sprache 'verwickelt' ist, die dem Subjekt vorausgeht und es übersteigt, eine Sprache, deren Geschichtlichkeit eine Vergangenheit und Zukunft umfasst, die diejenige des sprechenden Subjekts übersteigen, wird Literatur als Mitteilung dessen zum besonderen Zeugnis für die Möglichkeitsbedingung eines Fortbestehens und Überlebens in und über Sprache. Das macht die Frage nach dem "Wie: wir-mit-Worten?", die zu den Vorgaben, Modalitäten und Folgen der Herstellung und Infragestellung von Gemeinschaftlichkeit in sprachlichen Mitteilung und Mitteilungen über Sprache in literarischen Texten Stellung fordert, zu einer, die jede von Zeitlichkeiten gezeichnete Interpretation und Lektüre zentral betrifft. Es werden für die Thematik einschlägige Texte und Schriften von Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Samuel Beckett, Georg Büchner, Paul Celan, Jacques Derrida, Hans-Georg Gadamer, Elfriede Jelinek, Novalis, Franz Kafka, August Wilhelm Schlegel sein, die wir gemeinsam in diesem Lektüreseminar lesen und besprechen. – "Aber wer, wir?" (Jacques Derrida, Fines hominis, 1968)

Der deutsche Wald erzählt: Mythos Bilder Geschichten (BA)

Eingefasst in allgemeine Überlegungen zur Beschreibung und Bestimmung von Landschaft und dessen Repräsentationen in literarischen Texten und Bildern, soll in diesem Seminar „der deutsche Wald“ der letzten 250 Jahre einer Folge von Lektüren unterzogen werden. Den Wald wird dabei als eine durch "Mythos, Bilder, Geschichten" fabrizierte Projektionsfläche für Begriffsarbeiten zu betrachten sein, wenn sich in seiner Darstellung bildlich Vorstellungen von Identität und Nation, Wachstum und Nachhaltigkeit, Arbeit und Eigentum, Modernität und Tradition, Natur und Künstlichkeit mitteilen. Nicht ein Ort für historisch-volkskundliche oder motivgeschichtliche Interpretationen werden die Lektüren im Seminar eine Form medialer Historiographie beschreiben, Leitbegriffe der Wald-Bestimmung in literarischen Darstellungen als instabile Einschreibungen zu betrachten suchen. Problematisiert werden soll die gängige und doch kurz greifende These von der Kontinuität eines "romantischen Waldbewusstseins" „der Deutschen“ von der „Romantik“ bis ins 21. Jahrhundert. Lektüren in der Wald-Literatur von frühen forstwissenschaftlichen Schriften des 18. Jahrhunderts über ausgewählte literarische Texte des 19. wie des 20. Jahrhunderts bis hin zu Filmbildern der jüngeren Gegenwart sollen den Wald als einen mit der Zeit multimedial aufbereiteten Schauraum zeigen, in dem nationalistische Diskurse und die Selbstvergessenheit deutscher Geschichte, eine wehmütige individualistische Sehnsucht nach einem idealisierten Gestern in einer fiktiven Vor-Moderne immer als Kontrastierung zu der Auseinandersetzung mit der Macht und Bedrohung einer Gegenwärtigkeit des Materiellen auftauchen. Waldgänger, Partisanen, Spaziergänger, Soldaten, Förster, Räuber, Verirrte, Flüchtlinge, Waldbauern, Lagerinsassen, Ausflügler bevölkern als Figuren die Wälder des Essays und der Erzählungen, der Bildgeschichten wie der Märchen. Eine kritische Rekonstruktion des Waldes als einer Fiktion in der Materialität des Literarischen mit konkreter Funktion für die jeweiligen Diskurse der Gegenwart zeigt diese Figuren als Funktionsträger für die Bestimmung „des Waldes“ nicht als eines Kollektivsymbols, sondern als eines auf Zeit in Text und als Abbildung konstruierten Gedächtnisorts seiner medialen Erschaffung. Mit Texten von Eckermann, Johann Peter Eckermann, Herbert Achternbusch, Claude Lanzman, Elias Canetti, Heinrich v. Kleist, Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Lessing. Adalbert Stifter, Theodor Fontane, Rolf Dieter Brinkmann, Justus Möser, Ludwig Tieck, Wilhelm Hauff… 

Sommersemester 2010

Karl Philipp Moritz’ Schriften in und zur Anschauung (BA)

„Karl Philipp Moritz (1756-1793) ist der Große Vergessene der deutschen Literatur. Einer unserer Klassiker allerersten Ranges, deren wir so viele gar nicht haben, wie die Flut der Reihen uns weiszumachen trachtet, aber einer, der in keiner auftaucht. Ein genialer Kopf des genialen XVIII. Jahrhunderts, den schon das XIX. kaum mehr kannte. Der Autor eines umfangreichen Werkes und Herausgeber mehrerer Zeitschriften, den noch heute manche für den Verfasser nur eines einzigen Buches von Bedeutung halten, des autobiographischen Romanes 'Anton Reiser'." Zwanzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung kann Uwe Nettelbecks seinem "Karl Philipp Moritz Lesebuch" vorangestellte Feststellung, bei dem Autor handele es sich um einen von der Forschung Unbeachteten, länger schon als revidiert gelten, und doch dürfte Moritz einem breiteren Lesepublikum weiterhin tatsächlich weiterhin fern und unbekannt sein. In diesem Seminar soll Moritz als Verfasser sowohl des "Anton Reiser" und des "Andreas Hartknopf", als Reiseautor ("Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782", "Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788") wie als Ästhetiker ("Über die bildende Nachahmung des Schönen") und Stilistiker behandelt werden. Herauszustellen sind dabei von Moritz ästhetischen, philosophischen und pädagogischen Schriften sein Einfluss auch insbesondere auf literaturtheoretische Reflexionen, die Moritz mit seiner Hinwendung auf die ästhetische Autonomie und auf die Werkstruktur bei der ästhetischen Betrachtung anregte und die ihn zu einem wichtigen Begründer einer eigenen Kunstlehre werden ließen. Diese gilt es im Vergleich zu Schriften von Goethe, Winckelmann u.a. zu lesen. Die Aktualität von Moritz' ästhetischen-theoretischen Überlegungen, die sich für eine Autonomie aussprechen, lässt sich auch weiter behaupten, mit Worten von Peter Szondi: "Schwerlich lässt sich in der theoretischen Literatur des 18. Jahrhunderts etwas finden, das für die Methodendiskussion der Literaturwissenschaft im 20. Jahrhundert von größerer Aktualität wäre als diese Forderung." Diese Ausgabe gilt es zu problematisieren. Ebenso soll Moritz' Wirkung und Einfluss auf Autoren des 20. Jahrhundert zur Sprache kommen (Arno Schmidt, Hubert Fichte u.a.), um so die Aktualität eines 'Klassikers' zu akzentuieren und der Frage nach dem 'Zeitgemäßen' nachzugehen.

Wintersemester 2009/10

Nach der Natur. Naturschilderungen im 18. und 19. Jahrhundert (BA) 

Die weiterhin fortwirkende Epistemologie der Grenze zwischen Natur und Kultur, d.h. die funktionalisierende Repräsentation dessen, was als Nicht-Natur Natur bestimmt, kann angesichts von Naturschilderungen in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts besonders vielperspektivisch erörtert werden. Von Idyllen des mittleren 18. Jahrhunderts (Gessner, Müller, Voß), über Gartenbeschreibungen wie die vom naturwissenschaftlichen Denken mitgeprägten Naturdarstellungen (Goethe, Brockes, Klopstock) und Reisebeschreibungen der Wende um 1800 (Forster) bis hin zu den Naturdetailschilderungen des mittleren 19. Jahrhunderts (Stifter) reichen die ausgewählten Texte, in denen das Motiv der Lesbarkeit in der Natur und der Bezeichnung von Standpunkte der Betrachtung gegenüber der Natur aufgesucht werden soll. Kombiniert werden diese mit Reflexionen zu Naturbegriffsproblematik wie sie sich in zeitgenössischen Erörterungen (Rousseau, Herder) finden. Einen Betrachtungsmittelpunkt wird in den Lektüren der im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts bedeutsam werdende Begriff der "Darstellung" als Index einer theoriegeschichtlichen Neuperspektivierung einnehmen, der sich als Gegenbegriff von "Abhandlung" und "Beschreibung" in Wissenschaft und Kunst konstituiert – und in den Naturschilderungen Modalitäten der Repräsentation – auch hinsichtlich der Bildlichkeit in den Texten – sichtbar werden lässt. Mit Texten von Jacob u. Wilhelm Grimm, Johann Georg Sulzer, Johann Jakob Bodmer, Johann Jakob Breitinger, Salomon Geßner, Joseph Addison, Albrecht von Haller, Friedrich Schiller, Friedrich von Matthisson, Clemens Brentano, Heinrich v. Kleist, J. W. v. Goethe, Joseph von Eichendorff, Bertolt Brecht, Gottfried Keller.

Kluge-Medien-Lese: Lektüren mit Geschichte und Eigensinn in Alexander Kluges Prosa, Filmen, Fernseharbeiten (BA) 

„Das alles hat den Charakter einer Baustelle. Es ist grundsätzlich imperfekt..." Alexander Kluges Arbeiten bieten sich an als Lesestoff, diese programmatische Einstellung zur eigenen Erzählhaltung in kritisch-reflektierende Betrachtungen zu überführen, die weit über das zum Film "Brutalität in Stein" (1960) und den Prosaband "Lebensläufe" (1962) zurückreichende erzählerische oder filmische Werk dieses Autors hinausweisen. Orientiert wird diese "Kluge-Medien-Lese" der Werkteile Kluges als Lektüre entlang einer offenen Reihe von Begriffen, die in den Geschichten dieses Gegenwartsdarstellers vielperspektivisch verhandelt werden: Realismus und Erzähltradition, Fiktionalität und Multimedialität der Darstellungsformen, Tauschverhältnisse von Gefühlen, Arbeit und Herrschaft, Geschichtstheorie als Denkbild, Öffentlichkeit als Handlungsraum der Worte und Zeichen, Montage und Totalitätsimaginationen. Leitperspektiven bieten drei Haltung zum Material, welche in Kluges Erzählungen wie nicht weniger in seinen Theorieschriften immer wieder als Motive auftauchen: Beharrungsvermögen, Aufmerksamkeit, Liebe. Widmet sich das Seminar vorrangig Texten (Prosa, Essays, Reden, Interviews) und Bildern (Filmen, Fernseharbeiten und Bildmontagen) eines einzelnen Autors, so wird Kluges Produktion in den verschiedensten Medien gleichzeitig nur in Korrespondenz zu einer Vielzahl disparater Texte anderer Autoren zu lesen sein: darunter u.a. Heinrich v. Kleist, Karl Marx, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Marcel Proust, Heiner Müller. "Historischer Materialist“, "lakonischer Erzähler", "Chronist der Gefühle", "Quotenkiller"– der Lektüreblick auf die Produktionen des so Etikettierten erlaubt nämlich auch – und das ist zentral – zu betrachten, wie und unter welchen Bedingungen der Autorbegriff im Autorschaffen zur Zeit in der Gegenwart seine Fortschrift erfährt.

Sommersemester 2009

Bildbeschreibungen. Übersichtliches zu Bild-Text-Texten (BA)

Immer wieder stellt sich angesichts von Bildbeschreibungen die Frage, als was und wie Bilder zu lesen sind, die als in Literatur beschriebene auftauchen. Was haben Bildbetrachtungen, wie sie in literarischen Texten zu finden sind, über das Bild des literarischen Textes – und über dieses hinaus – zu sagen? Was sprechen sie aus und was verbildlichen sie als Beschreibungen? Welches Bild von textlicher Bildlichkeit erzeugen Bildbeschreibungen in der Literatur? – Der Beziehung zwischen Bild und Text mittels solcher Fragen nachzugehen, hat in der Ästhetik eine lange Tradition. In einer Gegenwart medientheoretischer Hoheitsansprüche gegenüber dem Thema der "Bild-Schriftlichkeit" erscheint es aus Sicht der Literaturwissenschaft angebracht, Bildbetrachtungen wiederholt als Bildbeschreibungen in den Blick zu nehmen: d.h. Bilder als in Worten beschriebene zu lesen. Denn aus der Sicht einer ästhetiktheoretisch informierten literaturwissenschaftlichen Lektürepraxis erscheint kein Bild ohne Worte; werden Bilder in dieser Betrachtung durch beschreibende Worte "gemacht", wenn diese sich als Verbildlichkeitsmedien zur Darstellung von Bildern dem Lesen anbieten. Als solche in literarischen Texten in Form von Bildbeschreibungen auftauchen. Ziel dieses Seminars ist es, in Lektüren zu Ansichten von Bildern zu kommen, die als kommentierenden Darstellungen von Lese-Praxen und ihrer Bedingungen betrachtet werden. Bildtheoretische Erörterungen – zur Ekphrasis – sollen dabei in detaillierten Lektüren mit literarischen Texten vornehmlich aus dem 20. Jahrhundert kontrastiert werden. Angelegt als ein einführender Überblick zum Thema soll dieses Seminar die Frage nach den Modalitäten des Lesens – der Lesepraxis von Bildern wie der Produktion von Vorbildern bei der Bildbetrachtung – angesichts von Bildbeschreibungen ins Zentrum der Betrachtung rücken und kritisch erörtern. Standpunkte zur Frage nach dem Lesen von beschriebenen Bildern liefern Texte von Autoren wie Heinrich von Kleist, Bertolt Brecht, Peter Weiss, Heiner Müller und Thomas Bernhard. Sekundiert wird die Auswahl literarischer Texte von theoretischen Erörterungen zur Bildbeschreibung und Bildtheorie, beginnend im 18. Jahrhundert (Gotthold E. Lessing, Laokoon) bis ins späte 20. Jahrhundert (Michel Foucault, "Dies ist keine Pfeife"). 

Zeit-Lesen. Einführungslektüren in Texte zum Heute, Gestern, Morgen (BA)

Alles hat seine Zeit, liest man. Das lässt fragen: Wie gilt das für literarische Texte und ihre Lektüren? Welche Rolle spielt Zeit in Texten? Wie bestimmt das in sie eingeschriebene Zeitmoment dann im Lesen die Texte zur Zeit? In Tagebüchern, Berichten, Kalendergeschichten, Zeitmitschriften? Alles zu seiner Zeit, sagt man. Wie also bestimmen ökonomische Vorgaben die Lektüren, die Texte als Darstellungen ihrer Zeit lesen lassen? Als wie zeitgebunden – geschichtlich – können (literarische) Texte betrachtet werden – unter welchen Umständen und nach welchen Vorgaben? Allgemeiner gefragt: Wie macht sich Zeit in der Literatur präsent? Wie werden in literarischen Texten unterschiedliche Wahrnehmungsformen von Zeit, ihr Vergehen, ihre Präsenz, ihr Fehlen zur Darstellung gebracht? Konkret gilt es Fragen wie diese, Fragen, die in jeder Interpretation auch unausgesprochen beantwortet werden, anhand von literarischen Texten zu stellen: in Einzellektüren. Problematisiert werden sollen weithin als gültig erachtete Annahmen gegenüber der Zeit als kategorialer Ordnung bei der Praxis des Lesens, fixiert in Begriffen wie dem der „Erzählbarkeit“ von Zeit sowie der entschiedenen Unterscheidung von Erzählzeit und erzählten Zeit. Anhand von zahlreichen zumeist kürzeren Lesestücken – Werkausschnitten, Tagebuchpassagen, Kalenderblättern, Kurzgeschichten, Vignetten – wird die Zeit-Beschreibung in – mehrzählig literarischen – Texten in ihrer Zeitgebundenheit als etwas zu beschreiben sein, was Abbildung von etwas im Moment des momentanen Vergehens ist: das Stattfinden der Wahrnehmung von Zeit – in der Lektüre. Material zum Zeitnachlesen in diesem Seminar liefern die folgenden Autoren: Heinrich von Kleist, Johann Peter Hebel, Marcel Proust, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Heimito von Doderer, Bertolt Brecht, Alexander Kluge, Rainald Goetz. Ausgewählte philosophische Grundlagentexte zum Zeitverständnis ergänzen das Lektüreprogramm. 

Wintersemester 2008/09

Erzählen von Orten  Orte des Erzählens (BA)

Als ein Seminar im Basismodul Literaturgeschichte werden ausgewählte literarische Texte vornehmlich aus der deutschsprachigen Literatur aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert behandelt, in denen Orte und Städte und Landschaften als Erzählräume und als Handlungsräume für Erzählungen fungieren. Anhand von ausgewählten Texten zur Darstellung von Orten, Landschaften und Städten von 1870 bis in die Gegenwart sollen einführend vielfältige Aspekte des "Ortes" als eines Motivs in Literatur und des "Ortes" als Thema behandelt und so Grundlagen und Techniken des literarischen Erzählens und Überlegungen zur Gattungstheorie und Literaturgeschichte thematisiert und veranschaulicht werden. Die Auswahl der Texte reicht von Heinrich von Kleist, E.T.A. Hoffmann, Gottfried Keller, Thomas Mann, Johann Peter Hebel bis Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek.

Dada – Schrift-Laut-Bild-Betrachtungen zur literaturhistorischen Einführung (BA)

Als literaturhistorische Einführung wird das Seminar den Sprachgebrauch von Dada überblicksartig und mit Blick vor allem auf dessen multimediale Praktiken behandeln. Die unter die Sammelbezeichnung "Dada" gebrachten Bild-, Laut-, Schrift-Produktionen bleiben auch mit dem Abstand eines Jahrhunderts und nach ihrer Historisierung als Zeugnissen einer der wichtigen historischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts  Herausforderungen für Interpretationen und Reflexionen zu Literatur, Sprache, Gesellschaft – und beispielhaft präsent für die Entgrenzung der Künste. Neben einer allgemeinen Darstellung zu Dada als "künstlerischen Bewegung" – wie auch anderer Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts und ihrer Zeugnisse – werden im Seminar die Sprachbildlichkeit und die Materialität der Schriften im Vordergrund stehen. Behandelte Themen in Auswahl: Typographie und Bildräume, Orte der Schrift, Performance, Schriftkörper und Selbstbeschreibungen, visuelle Sprache und Lautbilder.

Sommersemester 2008

Beschriebene Landschaften in deutscher Literatur 1750-2000 (BA)

Das Seminar macht ausgewählte Landschaftsdarstellungen in der Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts zum Gegenstand von Lektüren. Verstanden als Ausdruck historisch spezifischer Vorstellungen von Natur, als ästhetischer wie politischer Konstruktion und als Oberfläche von Projektionen zur Selbstverortung der Betrachter, können Landschaften in literarischen Darstellungen seit dem 18. Jahrhundert vielperspektivische Aussichten auf ästhetische Konzepte und Interpretationsweisen eröffnen. Unter Einbeziehung theoretischer Texte zur begriffs- und sachgeschichtlichen Verortung der Beschreibungen von Landschafts-Text-Bildern liefert das Seminar einen – notwendigerweise ausschnitthaften – Überblick auf ihnen zentrale Motive: Natur und Kultur, Raum und Zeit, Ganzheit und Teil, Dauer und Gegenwärtigkeit. Problematisiert werden soll die weithin Geltung beanspruchende erkenntnistheoretische Annahme, Landschaft sei – seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart – erstrangig als Phänomen subjektiver ästhetischer Wahrnehmung und Empfindung zu betrachten. In Landschaftsdarstellungen stattdessen eine Aufforderung an die Selbstreflexion eigener Lektüreperspektiven zu erblicken und das Subjekt erst in den beschriebenen Landschaften sprachlich entstehen zu sehen, wird anhand von literarischen und ästhetiktheoretischen Texten zur perspektivgebenden Aufgabe des Seminars. Zusätzlich sollen Beispiele aus Landschaftsmalerei, Fotografie und Film zu einer vergleichenden Sicht auf gegenwärtig präsente Bildvorstellungen von Landschaft anregen, die wie selbstverständlich – als natürlich sich präsentierend – von medialisierten Bildern und ihrer Geschichte bestimmt werden. Mit Texten von Georg Foster, Novalis, Ludwig Tieck, Rudolf Borchardt. Friedrich Schiller, J. W. v. Goethe, Adalbert Stifter, Robert Walser, Rainer Maria Rilke, Paul Celan, Hans Erich Nossack, Uwe Johnson…

Die Stadt, der Text, die Zeit. Großstadtbeschreibungen im 20. Jahrhundert (BA)

Wie Texte kann man auch die Stadt als eine Ansichtssache betrachten. In der Literatur zeigt sich die Stadt des 20. Jahrhunderts als ein Gegenstand vielfacher Ansichten. In den Interpretationen dieser Ansichten verbergen sich die vielfältigen Sichtweisen auf ein jeweilig perspektivgebendes Verständnis von Literatur und Textbegriff. So unterschiedlich die Darstellung von Stadt im Text im Laufe der Zeit, so verschieden die theoretischen Blickwinkel, aus denen heraus Großstadtliteratur im 20. Jahrhundert zum Thema und Herausforderung literatur- bzw. kulturwissenschaftlicher Fragestellungen wurde und immer wieder wird. Betrachtet man den von Zeichen errichteten urbanen Raum als einen Zeitspeicher für Lektüren und interpretiert die literarischen Texte zur Stadt als Medien zur Zeitvermittlung in Lektüren – und einmal nicht vornehmlich einfach als Dokumente sozio-historischer Entwicklungsgeschichten –, so rückt die Medialität der Stadt als Text und die der Stadt im Text als zentral in den Blick. Die Stadt des 20. Jahrhunderts als ein montiertes Schriftensemble und eine be- und überschriebene Oberfläche zu sehen muss Folgen haben für die Lektüren von Stadtdarstellung in Text und Bild: die Gegenwärtigkeit einer errichteten und technisch reproduzierten Schriftbildwelt, in welcher die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft von Zeichenproduktionen zeitgleich an- und abwesend sind, konfrontiert mit der Frage, wie Lektüren diese Zeitbeziehungen in Schriftbildern erfassen. Mit anderen Worten: wie sie sich lesen lassen. Einen Eindruck vermitteln davon literarische Texte der Stadt, die in und an sich Spuren der Reflexionen ihrer Medialität hinterlassen. Im Seminar wird zu betrachten sein, wie sich Texte – auch Beispiele aus Film und Fotografie – beispielhaft als Zeit-Lektüren lesen lassen – und als solche die Zeitwahrnehmung in Lektüre herausfordern. Mit Texten von Walter Benjamin, Franz Hessel, Siegfried Kracauer, Charles Baudelaire, Michel Butor, Roland Barthes, Alfred Döblin, Hubert Fichte… 

Universität der Künste, Berlin, Studium Generale, Kulturwissenschaften 

Sommer 2014

Landschaftsinschriften

 

Fachhochschule Münster, Fachbereich Design, Text- und Zeichentheorie, Mediendesign und Textgestaltung (2002-2012)

Sommer 2012  

  • Schrift und Raum. Einführung in die Text-Theorie und Textgestaltung
  • SchreibWerkPraxis – Textwerkstatt. Einführung in die Text-Theorie und Textgestaltung (2)

Winter 2011/12   

  • Wald – Bild – Geschichten
  • Schreib-Werk-Praxis – Übungen und Lektüren zum Text-Verfassen und Bild-Beschreiben. Einführung in die Text-Theorie und Textgestaltung

Sommer 2011  

  • „Nichts als Reste.“ Zu Ästhetiken der Wiederverwendung von Text und Bild 
  • Schreib-Werk-Praxis. Übungen und Lektüren zum Text-Verfassen und Bild-Beschreiben

Sommer 2010

  • Kluge-Bild-Texte: Betrachtungen zum Realismus der Bilder  
  • Kluge-Medien-Lese: Nachlesen in Alexander Kluges Prosa, Film- und Fernseharbeiten

Winter 2009/10   

  • Gehen und Sehen. Passanten und Flaneure, Ansichten zu Bewegungen in Text und Bild: eine Motivgeschichte des Spaziergangs 
  • Einführung in die Textgestaltung: Popliteratur (1965-2010) 

Sommer 2009  

  • Denkmal. Lektüren eines Zeitzeichens 
  • Zeit-Bild-Text: zu Verschriftlichungen und Visualisierungen von Dauer und Stillstand in Film und Bilderbüchern 

Winter 2008/09  

  • Bilderschriften und Schriftbilder: Typographien Lesen
  • Grundlagen der Textgestaltung

Sommer 2008  

  • Resonanzräume und Musikzimmer: Populäre Musik vor Ort

Winter 2007/08 

  • Luftbilder. Landschaft und Kartografien in Literatur seit dem 18. Jahrhundert

Sommer 2007

  • Ein, zwei, viele: Autorenporträt: Heiner Müller

Winter 2006/07

  • Stimmen: Die Autorität des Akustischen. Theorie und Praxis von Hörspielen in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur seit 1966

Sommer 2006

  • Aufbewahrungsorte und Archivprozesse. Theorie und Praxis von Sammlung und Speicherung von Bild und Text 

Winter 2005/06

  • „Kalifornien lesen“: Landschaftsdarstellungen in den Medien des 20. Jahrhunderts: Film, Fotografie, Zeitschrift, Buch

Sommer 2005

  • Der Tourist: Reisender in der Gegenwart. Theorien des Tourismus und der Alltag im Blick der Kulturkritik 

Winter 2004/05

  • Landschaftsaufnahmen – als Texte, 1750–2000

Sommer 2004

  • Textgestaltung: Stadtbilder. Urbanität in Buch und Zeitschrift seit 1800

Winter 2003/04

  • Zeitmitschriften: Tagebuchformate

Sommer 2003

  • „Paratexte“. Vorwort, Überschrift, Klappentext, Waschzettel, Umschlag, Fußnote, Nachwort, Biographie: die Texte und ihre Umgebung

Winter 2002/03 

  • Textgestaltung zur Einführung: Alles zum Thema Bild und Text und der Gestaltung von Text als Herausforderung für Lektüre- und Schreibpraxen 

Universität Potsdam, Europäische Medienwissenschaften

Winter 2009/10

  • Kluge-Medien-Lese: Lektüren mit Geschichte und Eigensinn in Alexander Kluges Prosa, Filmen, Fernseharbeiten

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Germanistisches Institut

Sommer 2008 

  • Beschriebene Landschaften. Literatur, Natur und Kultur

Universität Osnabrück, Sprach-und Literaturwissenschaft, Germanistik, Europäische Studien

Sommer 2007

  • Unzeitgemäß zeitgemäß: Karl Philipp Moritz

Winter 2006/07

  • Stimmen und die Autorität des Literarischen: von Echo und Sirenen in der Literatur 

Winter 2004/2005

  • Textlandschaften: Natur bei Adalbert Stifter und Elfriede Jelinek 

Sommer 2003

  • Mit Recht sich andere Texte aneignen: Bertolt Brechts und Heiner Müllers Zitatverfahren 

Winter 2002/03

  • Das amerikanische und das europäische Haus: zwei Kulturbilder für Identitäten in deutscher Literatur seit 1850

Winter 1999/2000

  • Die Zitate – übertragende Redefiguren in Literatur und Theorie 

Sommer 1998

  • Fiktionales versus dokumentarisches Erzählen: Realismuskrisen 

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Angewandte Kulturwissenschaft

Sommer 2001

  • Texte zu Kunst. Verhältnisse in Bild und Literatur

Winter 1999/2000

  • Archiv Katalog Zettelkasten

Sommer 1998

  • Dokumentarfilm: Realität, Fiktion, Repräsentationen

Winter 1997/98

  • Interview, Gespräche, Talkshow: Theorie und Praxis 

Sommer 1997 – Sommer 2000 

  • Grundstufenseminare: Einführung in die Kulturwissenschaften 

Workshops an Kunst- und Medienkunsthochschulen (Auswahl)

Burg Giebichenstein Halle

Hochschule für bildende Künste Hamburg 

Kunsthochschule für Medien Köln 

California Institute of the Arts, Valencia/Los Angeles, USA 

Kunstakademie Münster