Gegenwärtige Forschungsprojekte
ANSICHTEN ZU WELT UND WIRKLICHKEIT IM GLOBALEN ZEITALTER
1. WELT – EREIGNIS – LITERATUR
2. KOSMOPOLITISMUS IN DER WELTGESELLSCHAFT: VORSTELLUNGEN UND FIKTIONEN
3. ‚KALIFORNIEN‘ ALS RAUM UTOPISCHER VERGANGENHEITEN DER ZUKUNFT UND GLOBALER IDEOLOGIEN ‚WESTLICH DES WESTENS‘. EINE SPURENSUCHE
4. ZEITUNGSLEKTÜREN UND LEKTÜREZEITEN: AKTUALITÄT, MATERIALITÄT – UND DIE LITERATUR
5. TRANSATLANTISCHE FEEDBACKS: HAUS UND HOME REVISITED
– „Jedenfalls aber ist unsere philologische Heimat die Erde; die Nation kann es nicht mehr sein.“
Erich Auerbachs Diktum aus seinen Überlegungen zur Philologie der Weltliteratur mit der prominenten Absage an die Nation und der Betonung der Welt als Maßstab des Denkens liefert in unserer Gegenwart weiterhin ein starkes Motiv, über das Globale in der Gegenwart und die Wirklichkeit der Welt Überlegungen anzustellen.
Auch wenn jene „synthetische Philologie der Weltliteratur“ und die einheitliche und einende Sicht von „Erde“ und „Heimat“, für die sich der Exilant Auerbach im Jahrzehnt nach dem Ende des 2. Weltkriegs aussprach, in einer polyzentrischen Welt mit einer Multipluralität von Diskursen nicht mehr einfach vorstellbar sind. Auch von der ,Weltliteratur‘ oder der ‚Weltkunst‘ kann außerhalb eines klassischen Kanon-Denkens nicht mehr im Singular gesprochen werden – ebenso wenig wie von der ‚Kultur‘ oder der ‚Identität‘.
In einem ‚Heute‘, welches das politische, gesellschaftliche und kulturelle Denken mehr denn je herausfordert, haben an die Stelle eines historischen Kosmopolitismus als dem bedeutenden und wirkmächtigen Gegenentwurf zum nationalstaatlichen Denken nebeneinander vielfältig differente Entwürfe zu einer ‚anderen Globalisierung‘ zu treten. Das ist die hier behauptende Perspektive.
Eine Perspektive, entworfen in der Verantwortung für eine offene Zukunft, die Welt in ihren vielen Wirklichkeiten wahrnehmen soll:
– um ein möglichst vielgestaltiges Bild von „Weltbeziehungen“ entstehen zu lassen und eigene wie fremde Positionen zur Welt in konstellativen Kontexten zu verstehen.
– um Vorschläge und Entwürfe für ein fortgesetzt kontroverses Denken der globalen Welt und ihrer Beschreibungen beispielsweise als „Weltgesellschaft“ (N. Luhmann), „Weltweite“ (K. Marx) oder „All-Welt“ (E. Glissant) zu liefern.
– um kritisch den Bestimmungen von „Wirklichkeit“ und „Aktualität“ nachzugehen, als zwei entscheidenden Begriffen, die Vorstellungen von ‚Welt‘ formieren.
– um Ethik/Politik, Ästhetik und Geschichte angesichts des Verlusts oder der Infragestellung bestimmender kategorialer Diskursgewissheiten der so genannten Moderne in einer globalen Gegenwart neu zu denken und wirksam zu machen.
– um Ästhetiken der Gemeinschaft und des Widerstands zu entwerfen, die von Widerspruch und auch Widersprüchlichkeit künden.
– um das Asynchrone in einer scheinbar synchronisierten Globalisierung zu entdecken und dadurch die politischen und gesellschaftlichen Potentiale für eine offene Künftigkeit jenseits eines zu engen Feldes des ‚politischen Denkens‘ zu entdecken.
– um in einer sich einem rasanten Wandel unterzogenen Gegenwart die Vorstellungen von Raum und Zeit fortgesetzt kritisch zu analysieren: um über die Temporalitäten von Wirklichkeitsvorstellungen und die Repräsentationen der Realität mit der Zeit nachzudenken. Wie ebenso über die Festlegungen durch ein bestimmtes ‚geographisches Denken‘, das die die gängige Kartografie der Weltbeschreibung bestimmt.
– um die Brüche in herrschenden Zeitvorstellungen kenntlich zu machen und jene sich in behauptenden Zukunftsentwürfen und historischen Ordnungsunternehmungen zeigenden temporalen Vorannahmen kritisch und in Rückbetrachtung wie vorausschauend zu reflektieren.
– um in einer aus Übersetzungsbewegungen und Übertragungsprozessen bestehenden Welt die ‚Einsprachigkeit des Anderen‘ (J. Derrida) und die Vielfältigkeit der Sprachen zur Anerkennung kommen zu lassen.
– um ein ‚Wir mit Worten‘ in Texten und Zeichen und Medien auszumachen und auch kritisch zu adressieren, wo immer sich in diesem „Wir“ die fordernden Ansprüche von Herrschaft und Macht artikulieren (in Folgeansichten zu H. Arendt, T.W. Adorno und M. Foucault, G. Agamben).
– um in zeitreflexiven Lektüren den Sprachgebrauch von normensetzenden Institutionen in einer verwalteten Welt zu untersuchen und außerdem die Äußerungen von widerständigen Gemeinschaften und die Worte der vereinzelten Stimmen und ihrer Echos anderswo zur Geltung kommen zu lassen (siehe E. Glissant und Trinh T. Minha).
– um Heterogenität und Diversität in Debatten Raum zu geben, der ihnen von imperativen Ordnungsrufen nach ‚Zielführung‘ und ‚Gebrauchsfähigkeit‘ in der Komplexität der Diskurse genommen wird.
– um in den Debatten über gesellschaftliche Entwicklung im globalen Maßstab gegenüber den immer stärker dominierenden post-humanen, techno-szientistischen Leitvorstellungen und ihrer dystopischen Phantasmen die verschiedenen konkurrierende Vorstellungen vom „Menschen“ wie von dessen pluraler Identitäten und seiner kollektiven Kräfte weiterhin stark zu machen.
– um das von den Effekten der Digitalisierung betroffene Verhältnis von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ mit einem Bezug auf Kulturgeschichte wie Kulturtechnikforschung neu zu bestimmen.
– um aus einem absoluten Gegenwartsbezug heraus eine Verantwortung gegenüber der Überlieferung zu zeigen – gerade angesichts von kulturellen Überlieferungen, die angesichts der von Nationalismus, Imperialismus und Kolonialismus bestimmten europäischen oder ‚westlichen‘ Vergangenheit weiterhin nicht ausreichend ins Bewusstsein gebracht sind (W. Benjamin, A. Azoulay).
– um ein ‚archivisches Denken‘ zu stärken, das die praktische Sicherung von Überlieferung sicher stellt, die durch technologische wie politische Entwicklungen bedroht gesehen werden kann.
– um die besondere Bedeutung und Notwendigkeit von „Kritik“ in einem Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomien zu betonen – und dafür Rolle und Funktion der Intellektuellen als ‚anachronistischer Zeitgenossen‘ in einer neuen Medienwelt zu akzentuieren.
– um mit einer literatur-, kultur- und medienwissenschaftlichen Perspektive zu „Ansichten zur ‚Weltliteratur‘ im globalen Zeitalter“ zu kommen – wie es der perspektivgebende und verbindende Übertitel der Forschungsprojekte verspricht, die von hier und anderswo aus entworfen wurden und weiterentwickelt werden.
In den multidimensionalen und als asynchronen Gegenwarten einer als globalisiert ,verstandenen‘ Welt ist nach den jeweils gegebenen Perspektivierungen von ‚Welt‘ und ‚Weltbild‘ wie dem Ins-Verhältnis-Setzen der Betrachtenden zu Erde und Kosmos zu fragen (B. Brecht und H. Blumenberg).
,Weltliteratur‘ (als Plural) erweist sich hierzu als besonders geeigneter Betrachtungsgegenstand.
‚Das Globale‘ in Verbindung mit ‚Weltliteratur‘ in den kritischen Blick zu nehmen, erfordert die Beschreibung des Wechselverhältnisses von Beobachtenden und Objekten. Zwingend ist in einer Gegenwart vieler Perspektivgeschichten eine Revision von Geschichtsverständnissen und Besitzverhältnissen, heißt: die kritische Inventur von Machtrepräsentationen wie auch ebenso die Kommentierung der Äußerungen jener vielen historischen Befreiungs- und Emanzipationsbewegungen mit ihrem globalen Widerhall in der Zeitgeschichte.
Das Ziel einer solchen Betrachtung von ‚Weltliteratur‘ gilt dem kritischen Verstehen dessen, was – so verkürzend wie erweiternd –, ‚globales Bewusstsein‘ genannt wird. Von diesem ging auch ein Erich Auerbach noch aus. Bis heute bestimmt es weiter unzureichend reflektiert viele Standpunkte innerhalb gegenwärtiger Globalisierungsdebatten.
Wo und wie gewinnt wer wann Perspektiven auf Welt und vermittelt diese wem? –
Verdichtet in dieser Frage formuliert sich die Komplexität des Versuchs, Ansichten zum ‚Globalen‘ und ihrer ‚Wirklichkeit‘ zu gewinnen, um dieses vorgeblich nur eine Bewusstsein vor dem Hintergrund einer von komplexer Zeitlichkeit bestimmten Weltgesellschaft in plurale Perspektiven zu vervielfältigen.
Wie sich dies im Konkreten ablesen und verwirklichen lässt, ist die Frage, die sich vielversprechend gerade mit Blick auf ‚die Literatur‘ in einem erweiterten Sinne stellen und an ihren Texten über die Zeiten diskutieren lässt. Dazu heißt es, sich für Zeitwahrnehmungen in und durch Texte, Zeichen, Medien und für Lektüreperspektiven zu interessieren. Für ‚Zeitmitschriften‘ in Texten, Zeichen und Medien, die zur Anschauung bringen, welche Wirklichkeit in den von ihnen erzeugten ,Wirklichkeitsbildern‘ als den Repräsentationen von Macht und Weltansichten zum Entstehen gebracht und als vorausgesetzt oder auch als zu hinterfragen dargestellt wird. In besonderer Weise ist es nämlich die Literatur, die zur Auseinandersetzung mit Praktiken der Weltbeziehungen und den Entwürfen von Wirklichkeitskonzepten herausfordert.
Eine Literatur, die als markiert von einer jeweils singulären Eigenheit ihrer Sprachlichkeit und der ihr eigentümlichen Medialität und Temporalität, als das Medium des Transfers und der Positionierungen gegenüber Zeit und Raum zu lesen und in vielfachen Kontexten zu betrachten ist. Als zeichensetzendes Medium und Form, um fortgesetzt aktuell kritische Kommentierungen von (techno-szientistischen) Weltanschauungen vorzunehmen, wenn diese Literatur in der Zeit fortgesetzte Lektüren hervorruft – und wieder und wieder Lektüren von Lektüren provoziert.
Ganz grundsätzlich steht einem solchen Lektüreverfahren die Bestimmbarkeit von ‚Literatur‘ und von ,Welt‘ durch ihr gegenseitiges In-Bezug-Setzen zur gegenwartsbezogenen Debatte. Dabei gilt es zugleich auch, das Verhältnis von Geschichtlichkeit und Literatur zeitaktuell neu zu vermessen.
Diese herausfordernde Aufgabe ist das verbindende Motiv von jeweils eigenständigen und doch korrespondierenden Forschungsprojekten:
1. WELT – EREIGNIS – LITERATUR
Literatur ist, wie das Ereignis, ein Zeitgeschehen. Als eine Lesefigur mag das Ereignis vielfache Lektüren informieren, die in ihrer Gegenwärtigkeit die Gegebenheit wie eindeutige Datierbarkeit von Präsenz wie auch die Historie als Verortungskategorie für Fiktionales als fragwürdig erscheinen lassen. Damit erlaubt das ,Ereignis‘ (nach J.-F. Lyotard u. J. Derrida), Modalitäten des Erzählens, der Schreibverfahren wie auch der Lektürebewegungen zu reflektieren. Ebenso fordert es zu Fragen nach dem Verhältnis von Literatur und Geschichtlichkeit auf.
An zunächst zwei ‚Weltereignissen‘ – dem Sklavenaufstand in Haiti von 1791 und der Terrorattacken des 11. September 2001 – sollen Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Ereignis und Literatur, Geschichte und Ereignis, Moment und Long Durée, Literatur und Geschichte, Globalen und Regionalen angestellt werden. Medialität, Zeitdiskurse, Intertextualität sowie bildtheoretische Überlegungen sind weitere Aspekte, die sich anhand von Texten und zeitbasierten Medien, in denen ,Weltereignisse‘ konstruiert und durchgearbeitet werden, behandelt werden. Eine anhand von literarischen Darstellungen entwickelte Sichtweise soll ein Sprechen über die Bedeutung von „Ereignis“ und „Geschichte“ in den Diskursen zum politischen „Heute“ informieren und befördern. Betrachtet werden Romane, Kurzprosa, historische Nacherzählungen, Dokumentar- und Spielfilme, journalistischen Beiträge, Fotografie und Multimedia, Architektur und Denkmäler aus dem 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Das allgemeine Ziel des Forschungsprojekts ist es, zu einer multiperspektivischen Sichtweise auf die „Welt” und das „Globale” in ihrem aktuellen Zustand zu gelangen, unter Beobachtung verschiedener Standpunkte in einer Welt, die geprägt ist von verflochtenen Geschichten der Aufklärung und Religion, sozialen Ungleichheiten und globalem Kapitalismus als zweiter Natur, (Post-)Kolonialismus, Rassismus und Imperialismus, der Idee und Realität des Nationalstaats im Gegensatz zum Universalismus und posthumanen Fiktionen in Wahrnehmungsräumen, die von der Digitalisierung geprägt sind. Ein Schwerpunkt dieses Forschungsprojekts liegt auf der Untersuchung der Auswirkungen einer behaupteten Synchronizität und tatsächlichen Nicht-Synchronizität der Rezeption von Ereignissen auf den historischen Diskurs wie aktueller Debatten über globale Themen. Exemplarisch werden dazu jene zwei in den Debatten zur Globalisierung nachwirkende Weltereignisse gewählt, in denen sich aktuelle Positionen zum Kolonialismus und Imperialismus, zum Verhältnis von ‚Weltgeist‘ und Herrschaft, zur Beziehung von Zentrum und Peripherie widerspiegeln und sich Maßverhältnisse des Politischen zeigen.
2. KOSMOPOLITISMUS IN DER WELTGESELLSCHAFT: VORSTELLUNGEN UND FIKTIONEN
In Zeiten intensiver Auseinandersetzungen zum Verhältnis von Ästhetik und Politik und äußerst kontrovers geführter Debatten zu Identitäten, zu kolonialer und imperialer Vergangenheiten und Konflikten der Gegenwart verlangt es nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem historisch gewordenen und neu aktualisierten Ideal des „Kosmopolitismus“, einem anderen Wort für „Weltbürgertum“. Historische Positionen (Kant, Lessing, Wieland, Herder, Benjamin, Thomas und Heinrich Mann, Auerbach…) sollen mit jüngeren und weiter aktuellen Debattenbeiträge (Derrida, Nancy, Glissant, Brennan, Benhabib, Appiah, Nussbaum, Mbembe…) kontrastiert und mit literarischen Texten gegengelesen werden. Die Befassung mit dem Kosmopolitismus als philosophisch-politischer Anschauung oder auch Ideologie, die als ursprünglich in der europäischen Aufklärung formuliertes Ideal ihren Anteil an der heutigen politischen und diskursiven Weltordnung hat, kann Anregungen für die Formulierung von „Weltbeziehungen“ liefern. So ist – mit Blick auf „Weltgesellschaft“ (Luhmann) und „Weltweite“ (Marx) – immer wieder nachzulesen, in welchen Welten – innerhalb eines wie definierten Kosmos (Blumenberg) – gerade die Literatur Bezug zum Ganzen (der Welt) nimmt und dies in Teilen zeigt. In perspektivischer Umkehrung kann die Literatur den von geschichtswissenschaftlichen und politischen Denkfiguren bestimmten Diskursen zum Kosmopolitismus oder zur Weltordnung neue Impulse geben. Ihre Betrachtung verspricht dies, wenn sie in Lektüren Hinweise auf die Performanz auch im gesellschaftstheoretischen Diskurs liefert und zu Reflexionen auch des Fiktionalen in den konkreten Vorstellungen in der politischen Rede (H. Arendt) anregt. In einer solchen eingreifenden und gegen einfache Bestimmungen Einspruch erhebenden Lektüre kann man auch eine Ethik des Lesens am Werk sehen.
3. ‚KALIFORNIEN‘ ALS RAUM UTOPISCHER VERGANGENHEITEN DER ZUKUNFT UND IDEOLOGIEN ‚WESTLICH DES WESTENS‘. EINE SPURENSUCHE
Das Forschungsvorhaben „‚Kalifornien‘ als Raum utopische Vergangenheiten der Zukunft und globaler Ideologien ‚westlich des Westens‘ untersucht anhand von literarischen Texten und künstlerischen Bildern zur Utopie ‚Kalifornien‘ die Einschreibungen von raum-zeitlichen Ordnungsansprüchen in Landschaften und ihren Darstellungen. Durch diese Spurensuche in Landschaft als dem Formierungsraum einer globalen neoliberalen Ideologie – wie sie als Californian Ideology bereits zu Beginn des digitalen Zeitalters im Jahr 1995 beschrieben wurde – soll kritisch auch die Idee ‚des Westens‘ als einer sich mit weltumspannendem und universalistischem Machtanspruch versehenen Vorstellung befragt werden. Ausgerichtet auf die literatur- und kulturwissenschaftliche Erforschung von Zukunftsformationen und ihre Vorgeschichten versteht sich das Vorhaben als eingebettet einerseits in umfassende Forschungen zur Landschaft in Literatur und den zeitbasierten Künsten wie andererseits in die literaturwissenschaftliche Utopie-Forschung sowie auch in geisteswissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskurse zur Formierung von Gemeinschaft und Gesellschaft. Das Forschungsvorhaben soll eine pointierte wie selektive kritische Bestandsaufnahme leisten, die als impulsgebend für eine kritische kulturwissenschaftliche Erforschung von ‚Gegenwart‘ wirken kann, wenn sich dabei theoretische Reflexionen und konkrete Lektüren und Analysen von Texten und Bildern aus den letzten anderthalb Jahrhunderten seit Gründung des Bundestaates bis in die Gegenwart wie auch von empirischen Landschaftsformationen verbinden.
Kalifornien wird als Raum gesehen, in dem ‚westlich des Westens‘ der Süden (Mittel- und Südamerika), der Osten (Pazifischer Raum) und das alte Europa (via der amerikanischer Ostküste) aufeinandertreffen. In den Fokus genommen werden die von diesem Kalifornien ausgehenden globale Effekte (Gesellschaftsutopien, Life- Style-Ideologien, techno-science Denkbilder, Digitalisierung). Mit historischer Perspektive wird den Vorgeschichten dieser dort entwickelten Weltordnungsansprüche und Herrschaftsphantasien über „den Menschen“ und „die Natur“ nachgegangen. Dabei steht die Auseinandersetzung mit der Darstellung von Landschaft und den in ihr vermittelten Vorstellungen von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ und ‚Gemeinschaft‘ zentral. Dafür eignet sich „Kalifornien“ als ein Raum der Landnahme, der Missionierung, der Vertreibungen, der Verheißung, der Verbindungen von ‚Ost‘ und ‚West‘, der Gesellschaftsexperimente und Versprechungen der Techno-Sciences, um historische utopische und dystopische Zukunftsbilder zu deuten und ihre politischen Effekte für die Gegenwart zu erkennen.
Lektürehinweis:
Lektüren können als Remontagen von Zeitaufzeichnungen angelegt und verstanden werden. In ihnen wird damit das besondere Reflexionspotential der Literatur für Erkenntnisgewinne über die Gegenwart als einer von Ungleichzeitigkeiten bestimmten und immer nur relationalen ‚Zwischenzeit‘ erkennbar. Diese Potentiale – über die Thematisierung des Lesens als einer vielfältigen und komplexen Kulturtechnik in diversen Medienkonkurrenzen – für Diskurse auch außerhalb des disziplinären Feldes der Literatur- und Kultur- und Medienwissenschaften deutlich zu machen, ist die Ambition eines multimedialen Forschungsprojekts:
4. ZEITUNGSLEKTÜREN UND LEKTÜREZEITEN: AKTUALITÄT, MATERIALITÄT – UND DIE LITERATUR
Im angebrochenen Zeitalter „Nach-dem-Papier“ sollen in Literatur und anderen Medienformaten vermittelte ,Zeitungslektüren‘ und Ver- und Bearbeitungen von Zeitungen und Zeitschriften als besonderen Formen von ‚Zeitmitschrift‘ mit ihrer spezifischen Materialität zu Lektüre- und Betrachtungsobjekten werden. Gerade mit diesem Material aus dem die Aktualität des Tages gemacht war, dem bedruckten Papier, zeigen sich – in wechselseitigen Bild-Text-Beziehungen und ihren materiellen Konkretionen – die zeitlichen Unordnungen und Ungleichzeitigkeiten in einer Ordnung der Dinge im Wandel. In der Konkretion des Materiellen soll in einer Gegenwart der Digitalformate und ihrer (scheinhaften) Gleichzeitigkeitseffekten den gegenwärtigen Mythen des Alltags nachgespürt werden.
Zeitungen sind Konkretionen der fundamentalen Kategorie ‚Aktualität‘ für die Vorstellbarkeit von Welt und Wirklichkeit, wie sie sich in der Realität der Massenmedien produziert sehen lassen und diskursiv und konkret (in Schrift und Bild in Druck auf Papier) reflektiert werden.
Solche Wahrnehmbarkeiten von Materialität und Aktualität in ihrer gegenseitigen Beziehung können epistemologische Erkenntnisse für zeitbasierte Lektüren von Texten im Zeitalter der digital-bewegten Bilder und zu ihren historischen Verortungen in unseren Gegenwarten erbringen, so die Aussicht für eine besondere materialreiche Betrachtung von Lektürezeiten aus medienwissenschaftlicher Perspektive.
Bestimmt von einer ausdrücklich literahistorischen Perspektive, mit es erlaubt, Fragen zur Archivierung von Wissen und denen Effekten von interkulturellen Korrespondenzen zu behandelt, ist das Projekt:
5. TRANSATLANTISCHE FEEDBACKS: HAUS UND HOME REVISITED
In den in Geschichte und Gegenwart von Fluchterfahrungen und sozialen Fragen bestimmten Wirklichkeiten der Welt war und ist das Wohnen ein immer aktuelles und doch in der geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung unterbelichtetes Thema. Trotz prominenter Thematisierung wie im Tagebuch Walter Benjamins 1931: „Ein wirklich merkwürdiger Nachmittag mit Brecht. … Mein Vorschlag ging auf meinen Lieblingsgegenstand, das Wohnen… Brecht ging vom ‚mitahmenden‘ Wohnen aus. Das ist ein Wohnen, das seine Umwelt ‚gestaltet‘, sie passend, gefügig und gefügt anordnet; eine Welt, in der der Wohnende auf seine Weise zu Haus ist. Dem stellte er die andere Art seines Wohnens entgegen, die Haltung, sich überall nur als Gast zu fühlen… Ich unterscheide das Wohnen das dem Wohnenden das Maximum und dasjenige, das ihm das Minimum von Gewohnheiten mitgibt. – Das Wohnen, das dem Wohnenden das Maximum von Gewohnheiten mitgibt, ist das, wie die Vermieterinnen möblierter Zimmer sichs vorstellen. Der Mensch wird eine Funktion der Verrichtungen, die die Requisiten von ihm verlangen.… das Wohnen, das dem Wohnenden das Minimum an Gewohnheiten mitgibt, ist das Hausen. … ist das zerstörende Wohnen, ein Wohnen, das gewiss keine Gewohnheiten aufkommen lässt, weil es die Dinge, ihre Stützpunkte, fortschreitend wegräumt. …“ Um das ‚Bauen, Wohnen, Denken‘ nach Brecht/Benjamin in den Blick zu nehmen, sollen Ansichten von den Welten des Interieurs, von Fassaden und den repräsentativen Umwelten der Häuser in Stadt und Land mit ihren Wirkungen auf Bewohnende und Gäste Betrachtung finden. Dabei werden die Blicke transatlantischen Sichttransfers gelten. Gerade in den Unterschieden von „hier“ und „drüben“ – nämlich in den verschiedenen Ansichten zu deutschen ‚Häusern‘ und amerikanischen ‚Homes‘ – sind prägnante Aussagen zu Eigenem und Anderem, Heimat und Fremde, zu Exil und Assimilation, zu Selbstannahmen und Fernansichten, zu Gebrauchsspuren und Spurlosigkeit, zu Isolation und Masse, zu Geschlechterrollen und sozialen Verhältnisse zu finden. Historische und bis in die Gegenwart fortgesetzte transatlantische Sendungen zu Vorstellungen von „Haus“ und „Home“ werden dafür seit dem 19. Jahrhundert in Romanen, Auswandererbriefen, Exilliteratur wie Film und Musik und Kunst untersucht. Als Mitteilungen von Zeiträumen, in Darstellungen von Aneignungen, in Beobachtungen des Alltags. Auf das Thema des Bauen, Wohnen, Denken konkret bezogene ‚transatlantische Feedbacks‘ – Rückkoppelungen und Rückmeldungen also, die ein nicht immer zielgerichtet erzeugt werden, wenn sie als Sendungen (wie Auswandererbriefen), erzeugen, stören und (nach)wirken: von Hegel bis zur Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK), von Auswanderern des 19. Jahrhunderts bis zu Theoretikern des 20. Jahrhunderts, von Virginia bis Heidelberg, von Los Angeles bis Amorbach.
Vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Globalisierungsdiskurse sollen die vier entworfenen Forschungsprojekte das Grundverständnis von Literaturwissenschaft als einer entgrenzten und entgrenzenden Interpretationsverfahrenstheorie, die sich der Reflexion von Lektüre- und Wahrnehmungsverfahren verschreibt, deutlicher ins Bewusstsein auch fachfremder Diskurse bringen.
Mit diesen Forschungsprojekten soll gezeigt werden, wie eine solche Literaturwissenschaft als potenziell kritische Lektüreverfahrenspraxis mit ausgesprochen gegenwartsbezogener Perspektive und ihrem historisch-kritischen Bewusstsein für epistemologische Fragestellungen produktiv und kritisch-anregend in gesellschaftliche Felder hineinwirken kann.